Die Personalisierung des Buches

I love WikipediaDie englischsprachige Wikipedia hat ein neues Service. Man kann sich einzelne Artikel markieren, in Reihenfolge bringen und dann über einen externen kommerziellen Anbieter zu einem Buch binden lassen. Dies ist an sich ja noch kein besonders erwähnenswertes Service. Aber es zeigt in eine interessante Richtung, nämlich in die der Personalisierung des Massenproduktes Buch.



Bücher sind seit jeher Massenprodukte. Als Verlag kalkuliert man mit einer fixen Auflage, die möglichst kostendeckend sein sollte. Wird geschätzt, dass die Auflage zu klein ist um genügend Umsatz zu machen, wird das Buch nicht produziert.
Print-on-demand Services änderten dies. Durch die Einführung des just-in-time Prinzips für Bücher waren auf einmal auch solche Druckwerke möglich, die in ganz kleiner Auflage erscheinen konnten. Das funktioniert im Prinzip so: Erst die Bestellung eines Buches durch einen Kunden löst den Druckvorgang in der Druckerei aus. Das Buch wird automatisch gebunden und verschickt. Keine Großauflagen mehr, keine Lagerkosten, im Prinzip kein Vorlegen von Kapital, eine der ursprünglichsten Aufgaben eines Verlages (weshalb ich anderweitig auch über den Verlag im Zeitalter seiner wirtschaftlichen Zwecklosigkeit geschrieben habe). Möglich gemacht wurde das durch moderne und billigere Drucktechniken, schnellere Informationssysteme und effizientere Logistik.
Print-on-demand zeigt die produktionsseitige Möglichkeit der Personalisierung des Buches.

Auf der anderen Seite steht die Beschaffungsseite. Hier kommt das Wikipedia-Service ins Spiel. Wenn jeder daheim auf seinem PC sich sein Buch zusammenstellen kann, wird jeder zum Redakteur seines Buches. Er kann sich Kapitel individuell zusammenstellen, momentan aus der größten Enzyklopädie der Welt. So kommt jeder zu seinem personalisierten Nachschlagewerk, auf sein gewünschtes Fachgebiet zugeschnitten. Ein Service, der vor nicht allzu langer Zeit nicht leistbar gewesen wäre. Was, wenn ich mir auch meine anderen Bücher, wie Romane, individuell auf mich anpassen könnte?

Was kann der Verlag der Zukunft daraus lernen?

Für einen zukünftigen Verlag kann ich mir folgende zwei Ideen vorstellen.

Erstens hätte ich gerne so einen Buchzusammenstell-Button für das ganze Web (zum Beispiel einbaubar in den Browser). Ich könnte mir jegliche Information des Internets zusammenstellen und relativ billig zu einem Buch binden lassen. Natürlich gibt es hier erstens Probleme mit unterschiedlichen Dateiformaten und Standards. Außerdem ist die Lizenz, unter der viele Dinge im Web veröffentlicht sind, nicht klar definiert (Weshalb eine Reformation des Urheberrechts im Raum stehen würde, wie ich auch in meinem Buch Vernunft der wirtschaftlichen Kritik geschrieben habe). Und es ist ja auch schon heute möglich, sich die Texte zusammenzukopieren und drucken zu lassen. Es müsste jedoch standardisiert und extrem vereinfacht werden. So könnte man den scheinbar unermesslichen Wissensreichtum des Webs für beschaffungsseitige Vorgänge anzapfen und zu einem Umdenken in Bezug auf Bücher stattfinden.

Der zweite Vorschlag wäre zum Beispiel eine Kurztextdatenbank eines Verlages. Ich könnte mir für den bevorstehenden Urlaub fünf Kurztexte meiner Lieblingsautoren zusammenstellen und drucken lassen. Oder ich könnte, wie man früher ein Tape seiner Lieblingslieder einer Freundin geschenkt hat, ein individuelles Buch meiner Lieblingsprosa verschenken. Ich wäre nicht mehr auf den Geschmack irgendeines Editors angewiesen sondern könnte dem Buch meine individuelle Note geben.

Ich denke, dass solche Konzepte in Zukunft verstärkt auftreten werden. Logistische Methoden wie Mass Customization und Postponement werden auch nicht vor dem Buchmarkt haltmachen und umgekehrt könnten sie den Vorreitern auf diesem Gebiet zusätzliche Einnahmensquellen verschaffen.

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