Wie ich mit Worten einen Krieg verhinderte

Es war auf der Fähre zwischen Turku (Finnland) und Stockholm (Schweden), was eine 11-stündige Überfahrt bedeutet. Alkohol war auf diesen Schiffen billiger, als in den beiden skandinavischen Ländern. Dies nutzten viele Fahrgäste und waren sehr betrunken. Ein besonders betrunkener hatte sich die richtigen ausgesucht: Er hatte sich neben Typen gesetzt, die schon von weitem gefährlich aussahen. Zunächst unterhielten sie sich gut. Dann wurde mehr getrunken und der vorher erwähnte begann, aufdringlich zu werden. Die Szene drohte zu eskalieren. Drohgebärden wurden gezeigt, man konnte die Spannung im Raum spüren. Der Betrunkene machte weiter. Er rückte auf die Pelle, sang laut und redete viel. Die anderen wurden immer wütender.


Ich hatte die Szene beobachtet und hatte auch beobachtet, dass die anderen Gäste gelassen, wie Kühe beim Wiederkäuen, zusahen. Vielleicht waren manche auch ein wenig sensationsgeil. Ich war mir sicher, dass sich die Betrunkenen gleich anspringen würden und ich, wie schon so oft, einer der wenigen wäre, die dazwischengehen würden.

Daraufhin griff ich nach einer prophylaktischen, diplomatischen Lösung. Ich ging zum Empfang und schilderte die Situation. Und gerade, als die Situation zu eskalieren drohte, kam ein Security, sprach auf den Betrunkenen ein und löste die Szene auf.

Was war geschehen? Ich hatte mit Worten einen Krieg, Blutvergießen verhindert. Natürlich war nicht ich zu ihnen hingegangen. Man könnte sogar sagen, ich hätte feig die Polizei geholt. Und natürlich weiß man nie, was passiert wäre, hätte ich nichts gemacht. Aber ich hatte, so denke ich, mit wenigen Worten Einfluss auf das Handeln anderer Menschen genommen. Ich hatte, ohne, dass diese es wussten, andere von der Gewalt abgehalten.

Selbstverständlich hätte das nicht geschehen können, wenn nicht die Bordangestellten auch gegen Blutvergießen gewesen wären. Wären sie dafür gewesen, wären meine Worte auf taube Ohren gestoßen.

Außerdem hatte ich die Szene beobachten müssen und erkennen müssen, dass Gefahr im Verzug war. Andere hatten es vielleicht gar nicht bemerkt, andere wiederum es anders gedeutet. Weiters musste ich auch etwas sagen um etwas zu verändern, aber man könnte hier nach der Sprechakttheorie sagen: Sprechen ist auch Handeln.

Was mir wichtig erscheint sind zwei Punkte:

Sprechen, Kommunizieren kann Handlungen beeinflussen, kann Taten von Leuten verändern. Deshalb sind zum Beispiel Bücher, Schriftstücke, nicht sinnlos. Denn diese sind auch Kommunikation und beeinflussen Handlungen. Deshalb sollte sich jeder Wissenschaftler bewusst sein: Mit seinen Publikationen kann er andere beeinflussen. Es ist hier eine Verantwortung da, wenn man etwas erkennt, auch beeinflussend zu schreiben, was ja ursprünglich die Aufgabe des Intellektuellen war. Erst die strikte Trennung von Subjektivität und Ojektivität ließ die Wissenschaftler glauben, sie könnten, sollten und würden nichts verändern mit ihrer Arbeit. Dabei ist eben jedes gelesene Schriftstück auch eine Handlungsbeeinflussung. Die "objektive" Wissenschaft hat das nur vergessen, hat ihre Verantwortung unter den Tisch gekehrt, hat vor allem ihre soziale Verantwortung als mögliche Verhindererin von Kriegen vergessen.

Und natürlich muss der Wille dazu gegeben sein. Viele Zeitgenossen ist die Maxime "Ist mir wurscht!" am höchsten. Obwohl sie von der Gesellschaft abhängig sind (also von anderen Menschen), handeln sie asozial, gesellschaftszerstörend und nicht -erhaltend.

Das war der erste wichtige Punkt.

Vor diesem Hintergrund lassen sich auch die beiden Forschungspreise verstehen, die ich kürzlich gewann (ÖBB-Wettbewerb und Prix ATTC). Es wurde dabei nicht die Umsetzung gepriesen. Ich war nicht hinausgegangen und hatte etwas gebaut. Nein, Herr Bundesminister schüttelte mir deshalb die Hand, weil ich in den richtigen Worten, d.h. einem dem Wissenschaftsdiskurs
angepassten Jargon, auf die Möglichkeit der Veränderung hinzeigend, kommunizierend gehandelt hatte. Ich hatte bewiesen, dass ich mit Sprache über komplexe Sachverhalte kommunizieren kann, was im Verändern der Sachverhalte genauso wichtig sein kann, wie die außersprachliche Tat. Genauer ausgedrückt ist richtiges, veränderndes Reden gleichzeitig schon richtiges, veränderndes Handeln.

Dessen muss man sich bewusst sein, das muss man verantwortungsbewusst einsetzen: Dass man mit Beobachten, Erkennen, in Zusammenarbeit mit der richtigen Umgebung, mit Worten Taten vollbringen, Kriege verhindern kann.

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