Was ist ein homogener Wirtschaftsraum?

An der Eurozone wird immer wieder kritisiert, dass sie nicht funktionieren könne, weil sie keinen homogenen Wirtschaftsraum repräsentiere.

Doch was bedeutet das?
Was ist ein homogener Wirtschaftsraum?

Das bedeutet, dass auf lange Sicht kein Teil des Wirtschaftsraumes mehr einnimmt, als er ausgibt und keiner weniger einnimmt, als er ausgibt. Anders ausgedrückt: Niemand darf einen Überschuss erzielen und niemand darf auf lange Sicht Schulden machen. Es muss eben eine homogene Verteilung des Geldes auf lange Sicht stattfinden.

Doch was ist die kleinste Einheit eines Wirtschaftsraumes? Der Mensch. Die Forderung nach einem homogenen Wirtschaftsraum ist also gleichbedeutend mit einer Umverteilung von reichen zu armen Menschen. Dies kann theoretisch natürlich über Steuern und Beihilfen, Subventionen, usw. ablaufen, wie es innerstaatlich oft versucht wird.

Wie es abläuft, ist nebensächlich. Wichtig ist: Wer homogener Wirtschaftsraum sagt, meint Umverteilung und Aufhebung des Unterschiedes zwischen arm und reich.

Das Problem: In jeder Marktwirtschaft konkurrieren Wirtschaftseinheiten gegeneinander. Das trifft sowohl auf Arbeitnehmer, als auch auf Unternehmen, sowie auf ganze Staatsgebiete zu. In diesem Wettkampf gibt es Verlierer und Gewinner. Die Gewinner machen einen Gewinn, die Verlierer einen Verlust. Somit ist es jeder Marktwirtschaft inhärent, dass es Arme und Reiche gibt. Die Entwicklung eines homogenen Wirtschaftsraum müsste dieses System außer Kraft setzen oder im Nachhinein ausbessern.

Man müsste sich also entscheiden: Entweder man sagt homogener Wirtschaftsraum, Umverteilung und gemeinsame Währung oder man sagt freie Marktwirtschaft, Auseinanderdriften von arm und reich und Ende des Euros.

Sokrates geht zum Marktplatz

Der Philosoph packt seine Sachen. Er macht sich auf, verlässt seine privaten Räume, seine vier Mauern. Das Philosophieren dort war gut. Er möchte es jedoch mit seinen Mitbürgern teilen. Sokrates geht auf den großen Marktplatz, wo sich die ganze Stadt beim Einkaufen trifft. Er sucht gezielt den öffentlichsten Platz auf, den er kennt. Dort trifft er am meisten Menschen gleichzeitig. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Schichten. Die Menschen kommen zu diesem Platz, um ihr Geld für schöne Sachen auszugeben. Die Fülle an Waren ist überwältigend. Händler versuchen, sich durch Schreien zu unterbieten. Sokrates geht es jedoch nicht um die für ihn nutzlosen Dinge. Er möchte mit den Menschen reden, verwickelt sie in Gespräche. Er tut interessiert, wenn sie ihm über das Leben erzählen. Sie scheinen alle eine profunde Meinung zu haben. Sokrates spricht zu einem Händler. Dieser erzählt über die Natur des Menschen. "Sie sind alle geizig!", meint er. Sokrates stellt ihm daraufhin Fragen und der Händler erzählt weiter. Sokrates fragt ihn schließlich: "Wenn alle Menschen geizig sind, dann muss das ja auch auf dich zutreffen, insofern du ein Mensch bist!". Der Händler wird wütend und schickt ihn weg.
Sokrates spricht eine Frau an. Sie schwärmt von einem Politiker. Dieser soll einst ein großer Feldherr gewesen sein, bis er sich aufgemacht hatte, die Politik zu erobern. Die Frau erzählt, dass der Mann sechs Millionen andere Männer erschlagen habe, so stark sei er! Sokrates fragt nach, woher sie dies wisse. "Das weiß doch jeder", so die Frau - erstaunt über die Frage. Als Sokrates jedoch meint, dass er das nicht wüsste, kommt die Frau ins Grübeln. Sie fragt einen Händler. Dieser verneint. Es seien sechshunderttausend Männer gewesen. Daraufhin bricht ein Streit aus und Sokrates zieht sich zurück.
Am Abend, wieder zuhause, bemerkt Sokrates schließlich zu sich: "Die Menschen glauben alle, wirklich gut bescheid zu wissen. Wenn ich nachfrage, so widersprechen sie sich. Ihr Wissen steht auf sehr wackeligen Beinen. Sie glauben, sie sind klug, dabei sind sie es nicht. Ich will diese Fehler nicht machen. Ich weiß zumindest, dass ich nichts weiß."
Sokrates geht in den nächsten Tagen wieder über den Marktplatz. Er stellt meist nur Fragen und lässt die Leute erzählen. Manche werden wütend, andere beginnen nachzudenken. Wiederum andere ignorieren ihn. Sokrates findet Gefallen an der Tätigkeit und ist von da an sehr oft in der Öffentlichkeit. Er wird immer bekannter. Manche verehren ihn für für diesen Lebensstil. Andere hassen ihn, weil er unangenehm ist. Diese beginnen, schlecht hinter seinem Rücken über ihn zu reden.
Schließlich passiert etwas: Sokrates wird verhaftet, kommt vor ein Gericht und wird er zu Tode verurteilt. Die Anklage: Gotteslästerung und Verführung der Jugend. Doch was hatte Sokrates getan? Hatte er einen anderen Gott angebetet? Nein. Er hatte vermutlich einem Priester Fragen gestellt. Er hatte nur gewusst, dass er nicht wusste, ob Gott existiert. Wenn jedoch der Glaube an Gott gesetzlich vorgegeben ist, so wird das Hinterfragen des Wissens über die Existenz Gottes zur Straftat, unabhängig davon, ob Gott nun wirklich existiert oder nicht.
Hatte Sokrates die Jugend verführt? Wahrscheinlich. Er hatte sie durch sein Fragen angespornt, selber daran zu zweifeln, was ihnen die Älteren vorgegeben hatten. Sie hatten in der Schule nicht mehr dem Wissen des Lehrers getraut. Man kann sich vorstellen, dass der Lehrer geglaubt hatte, seine Autorität werde untergraben. Den Machthabern hätte das sicherlich nicht gefallen, weshalb ihnen jeder Grund Recht gewesen wäre, ihn vor Gericht zu bringen.
Es ging beim Gerichtsprozess schließlich auch nicht darum, was Sokrates wirklich getan hatte. Es wurde auch nicht versucht, herauszufinden. Das Geschworenengericht war sich bereits sicher zu wissen, was vorgefallen war.

Wir wissen natürlich nicht, ob Sokrates wirklich existierte. Aber das ist nebensächlich. Die Frage lautet: Wie würden wir heute mit Sokrates umgehen?
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