SAELAO: Bezahlen, um zu arbeiten?

Bei meinem Aufenthalt in Tacomepai höre ich zufällig von einem ähnlichen Projekt: SAELAO, in Vang Vieng, Laos. Da mein Visum für Thailand sowieso gerade am Auslaufen ist, nehme ich den eineinhalb Tage Bustrip auf mich, um mich nach Nordlaos zu begeben.

Vang Vieng ist eine berüchtigte Touristenstadt. Ein Guesthouse kämpft neben dem anderen um die Moneten der saufend durch die Straßen ziehenden "Farang", wie wir Touristen hier genannt werden. Die Attraktion der Stadt ist es, sich auf einem Reifen den Fluss hinuntertreiben zu lassen und sich in Bars am Rand volllaufen zu lassen. Ein Tourist im Jahr ertrinkt dabei.


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An diesem schönen Ort treffe ich im Guesthouse des Projekts ein - Sengkeo Guesthouse - und lerne dort den Projektleiter mit dem Namen Sengkeo kennen. Er erklärt mir die Bedingungen: Sie würden Freiwillige nur für mindestens eine Woche nehmen. Für diese wäre um die 700.000 KIP, also ca. 70 Euro zu zahlen, Essen und Schlafplatz inkludiert. Am Tag würden an unterschiedlichsten Dingen gearbeitet, wie Reperaturen und Aufbauten, am Abend gebe es eine Stunde Englischunterricht für die Bewohner der umliegenden Dörfer.

Ich schlucke. 10 Euro am Tag dafür bezahlen, dass ich arbeiten darf?

Dann denke ich, dass ich diese 10 Euro auch dann ausgebe, wenn ich in einem Guesthouse in der Stadt wohne und drei Mal am Tag essen gehe. Also schlage ich ein. Mit dem Moped geht es durch eine der sicherlich schönsten Landschaften der Welt. Reisfelder grenzen an hohe bewaldete Berge, die vor Äonen als Lava aus der Erde schossen und so erstarrten.

Eine der schönsten Landschaften der Welt!

In den ersten drei Tagen gehe ich psychisch durch alle Phasen. Mein Heimweh wird schlimmer und ich fühle mich ein wenig unfrei, weil hier alles so geordnet abläuft. Die Arbeit ist hart. Wir arbeiten den ganzen Tag, bauen eine Hütte und einen Lehm-Ofen.

Der Lehm-Ofen nimmt gestalt an
Wir bauen eine Holzhütte
Das Restaurant, welches auf Stelzen im See steht, bricht ein. Das heißt, wir müssen während strömendem Regen in Wasser, das uns teilweise bis zum wortwörtlichen Hals steht, um unter das Restaurant zu gelangen und die tonnenschwere Plattform mittels Hebeln, die wir aus Holz gebaut haben, anheben, um es auf neue Säulen, die im Schlamm versinken, zu stellen. Das alles, während Blutegel versuchen, an uns anzudocken. Ich wusste vorher nicht, dass die Dinger schwimmen können!

Das Restaurant im See war eingebrochen...

Doch was mich wirklich bewegt ist der Englisch-Unterricht. Ungefähr dreissig Schüler kommen mit dem Fahrrad um 18 Uhr und lernen von uns "Farang" die Grundlagen der englischen Sprache.

In den Gesprächen mit den Schülern nach dem Unterricht offenbart sich für mich die wahre Härte des Lebens der Leute hier. Ich frage einen Schüler, ob er schon einmal in Luang Prabang war. Er verneint. Vientiane? Auch nicht. Diese Leute haben die Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, noch nie verlassen.

In einer Stunde wollen wir Business-English unterrichten. Doch schon die erste Frage scheint zu schwierig zu sein: What do you want to work? Der erste Schüler meint nur knapp: IT! Als wir ihm vom Internet und Websites erzählen, versteht er nur Bahnhof, egal wie simpel wir es machen. Auch als wir es auf einem Laptop herzeigen, sieht er nur staunend zu und hat keine Ahnung, was vor sich geht.

In einer Unterrichtsstunde lernen wir, wie man über die Uhrzeit auf Englisch spricht. Ein Schüler meint, er habe keine Uhr. Ich frage ihn, wie er wisse, wann wir hier Unterricht hätten. Er erzählt mir: Um 16 Uhr sagen seine Eltern, es wäre Zeit zu gehen. Er setzt sich auf sein Fahrrad, fährt zwei Stunden hierher und hat hier eine Stunde Unterricht. Danach setzt er sich wieder auf sein Fahrrad und fährt zwei Stunden heim, um um 21 Uhr zuhause zu sein.

Ein aus Lehm gebautes Gemeinschaftszentrum dient dem Englischunterricht

Am nächsten Tag wollen uns sechs Schüler die Hütte zeigen, in der sie wohnen. Um die Mittagszeit - wir sind gerade beim Essen - holen sie uns ab. Sie führen uns zu einer Hütte, die im Prinzip nur aus einem Dach und einer sechs Quadratmeter großen Liegefläche besteht. Dort hätten sie, da der Heimweg zu weit wäre, zwei Wochen gewohnt. Ich hatte mich immer gewundert, weshalb sie mit den abstrusesten Vokabeln zu uns gekommen waren. Die Antwort ist simpel: Sie haben nur ein Wörterbuch und machen den ganzen Tag nichts anderes, als Vokabeln zu lernen. Wenn sie nicht gerade mit der Besorgung von Nahrung beschäftigt sind.
Reis haben sie von zuhause mit genommen. Dazu essen sie aus den umliegenden Reisfeldern gefangene kleine Fische und was sich sonst Essbares fangen lässt. Wasser trinken sie aus den umliegenden Bächen. Doch jetzt sei ihnen der Reis leider ausgegangen. Sie würden ja gerne noch bei uns Englisch lernen, doch sie hätten großen Hunger und müssten deshalb nachhause fahren. Beschämt kaufen wir ihnen 50 Kilo Reis und ermöglichen ihnen dadurch, noch zwei Wochen da zu bleiben.

Die Regenwolken ziehen um die Felsen

Nach diesen Erfahrungen kommt mir die Arbeit auf einmal nicht mehr hart vor. Diesen Schülern, die trotz aller Strapazen gewillt sind zu lernen, die so glücklich, so strebsam, so höflich und so natürlich freundlich sind, gebührt der größte Respekt! Mir wird es bei den Gesprächen mit ihnen peinlich, dass wir in der westlichen Welt, mit freiem Bildungszugang, Erreichbarkeit billiger Lehrmaterialien, Bibliotheken und Online-Lern-Plattformen, unsere Situation einfach nicht zu schätzen wissen. Die Leute dort verdienen es, dass wir genauso ernsthaft daran arbeiten, die Situation aller zu verbessern! Es ist vergleichsweise so leicht für uns, einen so großen Unterschied zu machen! Für jeden von uns. Doch wir tun es nicht und jammern und saufen und geizen lieber. Die Gespräche mit den Schülern haben mich gelehrt, nicht mehr so viel zu jammern und Dinge, Arbeiten und Herausforderungen einfacher anzunehmen. Wir glauben, unser Leben sei hart, aber das ist es vergleichsweise nicht.


Es war eine bemerkenswerte Erfahrung, zu zahlen und gleichzeitig zu arbeiten. Man fühlte sich damit für den Ort verantwortlich! Es war ein anderes Denken, als wenn man kurzzeitig wo zahlender Kunde ist und sich wie ein König fühlt und manchmal auch so benimmt. Dort war es so: Wenn etwas kaputt ging, reparierte man es. Man versuchte möglichst, den Ort zu erhalten und zu verbessern. Man spürte die Verantwortung und die Wichtigkeit der Arbeit, besonders beim Lehren! Der alte Spruch: "Don't be gentle, it's a rental" wurde damit ins Gegenteil verkehrt. Ich kann nur jedem empfehlen, einmal selber so eine Erfahrung zu machen!

Zur Homepage des Projekts: http://saelaoproject.com/
SAELAO auf Facebook: http://www.facebook.com/pages/SAE-LAO-FAMILY/

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