Der Preis schlägt alles

Um mich für mein Seminar, welches ich auf der Uni Graz gebe, vorzubereiten, plane ich einen Kurztrip dort hin. Die Seite der ÖBB wurde neu gestaltet, leider sehr zu ihrem Nachteil ("Warum öffnet sich da immer ein neues Fenster?"). Der Preis für eine Fahrt nach Graz ist nach einigen Ärgernissen doch gefunden: 37,30 Euro ohne Vorteilscard. Ich bin schon am Überlegen, Autozustoppen, bis mir eine Freundin den Bus empfiehlt.
"Fahr doch mit dem Bus!".

Flixbus ist schnell gefunden. Die Seite übersichtlich, die Buchung online einfach. Sofort das Ticket als pdf zugesandt. Der Preis: 9,- Euro.

Ein Tag vor der Abfahrt kommt noch ein Erinnerungsmail, inklusive Karte, von wo der Bus weg fährt. Ich steige in den Bus ein, freie Platzwahl, erste Reihe, gute Aussicht! Steckdose vorhanden. Auch W-Lan gibt es, ich kann diesen Blogeintrag direkt aus dem Bus verfassen.



Der Service ist besser als mit der Bahn und es ist gleichzeitig billiger. Mir wird klar:
Die größte Konkurrenz der Bahn ist nicht die Bahn selber, sondern die anderen Verkehrsmittel! 
Die ÖBB mag vielleicht glauben, sie sei Monopolist, aber leider stimmt das nicht. Andere Verkehrsmittel wie der Bus können bequemer, schneller und gleichzeitig billiger sein. Gut für mich.

Doch es kommen Zweifel auf:
Das Problem ist natürlich der ökologische Fußabdruck. Was ist mit der Nachhaltigkeit?! So eine Busfahrt stößt doch wahnsinnig viel CO2 aus!
Das Problem ist, dass der Preis alle anderen Bedenken schlägt: Ich könnte mich entscheiden, die Bahn einmal zu verwenden oder den Bus sieben Mal. Bei mir hat der Preis gesiegt, die Entscheidung für eine nachhaltige Zukunft versagt. Qualität wurde durch Quantität geschlagen.

Und dies ist das Problem und gleichzeitig die Herausforderung unserer gesamten heutigen Welt: Preise zahlen wir an Menschen und nicht an die Natur. Ein lebenswerter Planet kommt in unserer zwischenmenschlichen Preisbildung nicht vor. Angebot und Nachfrage zeigen zwischenmenschliche Knappheiten an und nicht absolute.
Für mich persönlich ist es sieben Mal besser, den Bus zu nehmen. Aber irgendwo auf der anderen Seite der Welt geht gerade eine Insel im Meer deswegen unter und eine Tierart stirbt aus - the tragedy of the commons oder auch Rationalitätenfalle at its best.
Der Preis schlägt leider oft alles andere, was es für ökologischere oder sozial verträglichere Unternehmen sehr schwer macht.

Doch Moment! Ist der Bus tatsächlich weniger nachhaltig als die Bahn? Flixbus bietet an, dass man bei der Buchung einen "Klimaschutzbeitrag" leistet. Man kann für ein paar Cent mehr seinen Beitrag leisten, dass die schmutzige Busfahrt durch ein Klimaprojekt kompensiert wird. Um die 1 bis 3 % des Ticketpreises kann man laut Flixbus also doch klimaneutral fahren. Puh, das Gewissen kann beruhigt sein.

Sicher?!

Denn was passiert mit dem Geld? Geld zahlen wir an Menschen und nicht an die Umwelt. Laut Flixbus werden damit Windräder in der Karibik gebaut.
Ist das wirklich klimaneutral? Ich setze mich in Österreich in den Bus und stoße CO2 aus. Durch aufwendige CO2-ausstoßende Prozesse werden Windräder gebaut um CO2-ausstoßend auf eine Insel transportiert zu werden, die danach mehr Energie verbrauchen kann als sie zuvor brauchte?!



Nun gut, das müsste man sich auch bei der Bahn fragen: Wieviel CO2 und andere Treibhausgase stößt die Produktion der Schienen, Lokomotiven, selbst der Bau der nachhaltigen Kraftwerke der ÖBB usw. aus?!

Der Zertifikatehandel, wie auf Flixbus' Seite angekündigt, ist sicherlich nicht die Lösung für dieses Problem.

Die Lösung sehe ich eigentlich in einem Sprung nach vorne. Wir müssen unsere Produktion komplett auf Cradle-to-Cradle umstellen und unsere Energieversorgung auf nachhaltig, also Wind, Sonne und Erdwärme. Dahingehend ist der Bau von Windrädern, wie Flixbus es bewirbt, natürlich die richtige Richtung.Unsere Supply-Chains der Zukunft müssen nachhaltig bewirtschaftet werden!

Aber bis dahin ist es ein langer Weg. Bis dahin bleibt vermutlich nur die Suffizienz.

Also das nächste Mal doch Autostoppen?!

Das Gegenteil von Geben...

Im deutschen Sprachalltag hört man oft die Redewendung "Geben und Nehmen". Wir nehmen es als selbstverständlich, dass dies ein Gegensatzpaar ist. Nichts könnte falscher sein.

Denn wenn eine Person gibt, so nimmt die andere Person streng genommen nicht. Sie empfängt. Das mag als i-Tüpfelchenreiterei daherkommen, aber der Unterschied ist wichtig. Es ist ein Unterschied, ob ich etwas von jemandem nehme, oder ob ich etwas von dieser Person empfange, bekomme. Der Unterschied liegt in der Freiwilligkeit. Geben ist ein freiwilliger Akt. Etwas annehmen, etwas empfangen, ist ebenso freiwillig.

Wenn ich jedoch von jemandem etwas nehme, so wird dieser Person etwas genommen. Das Gegenteil wäre eigentlich beraubt oder enteignet werden.

Also wäre eigentlich richtig:
  • Geben <-> Empfangen und 
  • Nehmen <-> Enteignet werden.

Wieso ist dieser Unterschied wichtig?

Nehmen wir die Diskussion zwischen der Idee der Schenkökonomie (SÖ) und des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Beide sind sich in vielen Dingen ähnlich. Bei der SÖ haben wir jedoch Geben und Empfangen: Keine kann gezwungen werden, etwas herzuschenken. Beim BGE haben wir das Gegensatzpaar Nehmen und enteignet werden. Denn das BGE ist über Steuern finanziert und Steuern muss man zahlen, ob man will oder nicht. Es wird über einen Mehrheitsentscheid beschlossen, dass man sich von einer Menschengruppe etwas nimmt.

Somit trägt die Klärung dieser Begriffe zur Klärung der Unterscheidung zwischen SÖ und BGE bei und kann sicherlich in anderen Diskussionen auch fruchtbar sein!
Creative Commons Lizenzvertrag
Diese(s) Werk bzw. Inhalt von Patrick Seabird steht unter einer Creative Commons Attribution 3.0 Unported Lizenz.