Das Rätsel um den fehlenden Zins

Dieser Gastbeitrag, welcher sehr zum Verständnis des Geldsystems beitragen kann, wurde von Peter Bloggt verfasst und erschien zuerst in seinem sehr lesenswerten Blog petersdurchblick.com. Mein Blog steht für Gastbeiträge offen, einfach Kontakt aufnehmen! - Patrick Seabird

 

Der "fehlende Zins" und das Sparen

Oft wird unter Geldsystemkritikern auch "vom fehlenden Zins" gesprochen, weshalb es für einige Kreditnehmer im Gesamtsystem unmöglich sei, ihren Darlehensbetrag plus Zinsen zurückzuzahlen und somit der Zahlungsausfall von Schuldnern (und die Vernichtung von Geldvermögen) systembedingt und geradezu vorprogrammiert sei. Aus diesem Grund müsse der fehlende Zins durch wiederholte Neuverschuldung ausgeglichen werden, damit das System nicht in sich zusammenbricht. Welche Rolle spielen der fehlende Zins und das Sparen bei dem "Zwang zur Neuverschuldung"? Wir werden das im Folgenden untersuchen.

Ich möchte vorwegschicken, dass es sich bei folgender Untersuchung um diverse mögliche Momentaufnahmen im Geldsystem handelt, welche in dieser Form in der (Mainstream-)Zinskritik bisher nicht beleuchtet wurden. Diese Untersuchung hat nicht den Zweck, ein generelles Systemproblem (von vielen) zu negieren, sondern es genauer unter die Lupe zu nehmen.

Anhänger der Theorie vom fehlenden Zins betrachten in ihrer Argumentation meist einen isolierten Kredit. Man stellt sich ein beispielhaftes Geldsystem vor, in dem z.B. acht Teilnehmer eine Kreditsumme von 1.000 € aufnehmen, diese wird endfällig nach einem Jahr zurückgezahlt und mit 5% verzinst. In dieser "Inselbetrachtung" fehlt am Ende der Laufzeit des Kredits der aufzubringende Zins im System:
© Axel Grimm

Gleiches gilt auch für das Gedankenmodell, wenn man Einzelkredite betrachtet, die zeitversetzt, nacheinander liegen. Hier hat man den Effekt, dass sich der fehlende Kreditzins aufaddiert, denn auch in dieser Vorstellung hat kein Kreditnehmer die Chance seinen Kreditzins aufzubringen:
© Axel Grimm

An der Kernaussage, dass der Zins im Kredit nicht mitgeschöpft wird und theoretisch auch im Gesamtsystem zur vollen Schuldentilgung fehlt besteht überhaupt kein Zweifel! Aber: Es ist dennoch möglich, dass Kredite komplett getilgt werden können, OHNE einem anderen Kreditnehmer Geldmittel zur eigenen Schuldentilgung wegzunehmen (q.e.d).
Die "Inselbetrachtung" bzw. die isolierte Betrachtung von einzelnen Krediten in einem Geldsystem spiegelt nicht die Realität wider. In der Praxis überlagern sich in unserem Geldsystem zigtausende von Krediten die sich unterscheiden in Beginn, Laufzeit und Höhe des Kredites. Diese Überlagerung soll in dem folgenden Bild dargestellt werden:
© Axel Grimm

In blau und lila sind die vorhin beschriebenen Einzelfälle dargestellt, die Anhänger der Theorie des fehlenden Zinses als Argumentation benutzen. Die weißen Striche stellen weitere Kredite dar, die im Geldsystem durch Banken erzeugt werden und bei Endfälligkeit auch mit Zins zurückgezahlt werden müssen.
In der Realität werden die vom Kreditnehmer an die Bank gezahlten Zinsen über das Eigenkapital der Bank wieder zurück in den Wirtschaftskreislauf gebracht und können dort unter anderem auch dazu benutzt werden, wieder als Zinszahlung an eine Bank bezahlt zu werden. So bezahlt zum Beispiel ein Bankangestellter, der einen Immobilienkredit aufgenommen hat, seine Zinsen aus seinen Lohnzahlungen, die aus dem Eigenkapital der Bank kommen. Diese Lohnzahlungen sind aber nichts anderes als die Zinseinnahmen der Bank. Aber auch ein Dividendenempfänger von Bankaktien kann mit der gezahlten Dividende wieder einen Kredit abzahlen, bzw. die Zinsen dafür bezahlen. Ebenso erhält ein beispielhaftes Bauunternehmen - in den Wirtschaftsraum zurückgeführte - Zinseinnahmen der Bank für Bezahlung einer errichteten Bankfiliale.
Diese Rückführung des Zinses wird in der Argumentation
mit dem fehlenden Zins übersehen.

Einleuchtender wird es, wenn man sich nicht eine isolierte Kreditvergabe betrachtet, sondern eine Kaskade von Kreditverträgen unterschiedlicher Laufzeiten, die sich überlagern:
© Axel Grimm

Nehmen wir uns die angezeigten grünen Kredite heraus und betrachten was mit der Geldmenge und - im Laufe der Kreditnahme - mit den Zinszahlungen passiert, die nun, wie in der Realität üblich, zurückgeführt werden:
© Axel Grimm

In hellgrün erkennt man die Geldmenge, die durch die unterschiedlichen Kredite entsteht und vergeht. Nun erkennt man, dass der erste Kreditnehmer seine Kreditzinsen theoretisch aus dem geschöpften Geld des zweiten Kreditnehmers bedienen kann (schwarzer Pfeil nach oben). Diese Zinseinnahmen gibt die Bank zum Beispiel als Lohnzahlungen wieder zurück in den Wirtschaftskreislauf (grauer Pfeil). Nun fehlt dieser Zins nicht mehr im System. Der in rot dargestellte Bereich ist der Zeitraum, in dem der gezahlte Kreditzins im Eigenkapital der Bankbilanz steht, solange bis der Zins zurückgeführt wird.
Auch die hier vorgestellte Betrachtung ist natürlich wieder vereinfacht/isoliert. In Wirklichkeit überlappen sich diese Kreditverträge deutlich enger und zahlreicher. Auch die Rückführung des Zinses über das Eigenkapital der Bank findet in einem ständigen Fluss statt, da die Ausgaben/Ausschüttungen der Bank auch ständig anfallen.
Wir halten fest: Solange es gängige Praxis ist, dass sich unzählige Kredite "überlagern" und Zinseinnahmen der Banken wieder in den "Tauschmittelkreislauf" zurückgeführt werden, solange können fällige Kredittilgungen und Kreditzinsen problemlos gezahlt werden, da für die fälligen Kredite im Geldsystem ausreichend Tauschmittel vorhanden sind.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Angenommen heute müssten ALLE Kredite abgelöst werden, dann wären die Geld- bzw. Tauschmittel zum Leisten der Zinszahlungen im Gesamtsystem nicht vorhanden, da sie im Kredit nicht mitgeschöpft wurden (realistisch ist dieser angenommene Fall allerdings nicht). Problematisch wird es in der täglichen Praxis, wenn Tauschmittel gespart und somit dem Tauschmittelkreislauf entzogen werden. Diese gesparten Tauschmittel fehlen im Gesamtsystem zur Kredittilgung.


In unserer Betrachtung haben wir zudem nur endfällige Kredite betrachtet, um die Komplexität nicht noch weiter zu erhöhen und um uns an die Argumentation des fehlenden Zinses anzupassen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der übliche Kredit ein Tilgungskredit ist, bei denen die Zins- und Tilgungszahlungen nicht endfällig, sondern z.B. monatlich aufgebracht werden. Somit reduziert sich auch während der Laufzeit des Kredits die Zinszahlung monatlich durch die Tilgung des Kredits:
© Axel Grimm

Wie man dem Tilgungsplan entnehmen kann, reduziert sich die Zinszahlung monatlich bei einem Einzelkredit. Wenn diese Zinszahlung von der Bank direkt in das Geldsystem zurückgeführt wird, dann fehlen am Ende der Laufzeit, selbst in der Einzelbetrachtung eines Kredites von 1.000 € theoretisch nur 0,36 € Zinsen. Die bereits gezahlten Zinsen werden ja wieder in das System zurückgeführt.
Das Sparen im Tauschmittel
Wie im allerersten Artikel dieses Blogs (Anmerkung PS: von Peters Durchblick) erklärt wird, entsteht Geld durch Kreditaufnahme. Die Wirtschaftsteilnehmer, die einen Kredit aufnehmen, geben dieses Geld in der Wirtschaft aus. Zum Beispiel kaufen sie Rohstoffe, um daraus dann ein Produkt zu erzeugen, dass sie weiterverkaufen können. Das erzeugte Kreditgeld befindet sich so nun im Tauschmittelkreislauf und das Geld tauscht andauernd weiter. Es gibt nun 2 Möglichkeiten, wie dieses Geld den Tauschmittelkreislauf verlassen kann.
Die erste Möglichkeit ist für das Geldsystem ideal. In diesem Fall kreist/tauscht das Tauschmittel solange, bis ein Kreditnehmer, der das Geld durch Leistung in der Wirtschaft erhält, damit seinen Kredit zurückzahlt, also tilgt. In diesem Moment wird bei der Bank sein Geld mit seiner Schuld wieder vernichtet. Das Geld hat in der Zeit seiner Existenz als Tauschmittel funktioniert und hat im besten Fall der Allgemeinheit durch Schaffung von Mehrwert gedient.
Die zweite Möglichkeit, wie Tauschmittel den Wirtschaftskreislauf verlassen können ist das Sparen im Tauschmittel, denn gespartes Geld kauft, solange es gespart ist, nicht mehr in der Wirtschaft ein. Das Geld ist solange es "spart" als Tauschmittel geparkt. Für Kreditnehmer entsteht nun ein Problem, denn sie haben keine Chance an das Geld zu kommen, das sie zum Tilgen ihrer Kredite so dringend bräuchten. Durch Sparen im Tauschmittel entsteht ein Mangel an freien Tauschmitteln in der Wirtschaft und es kommt normalerweise zu einer Reduzierung der Wirtschaftsleistung. Die Folge: Kreditnehmer gehen pleite, es sei denn, durch einen neuen Kreditnehmer wird wieder neues Geld erzeugt, dass das Geld ersetzt, welches durch das Sparen dem Geldsystem entzogen wurde.
Hierdurch entsteht ein Neu-Verschuldungszwang und wenn sich in der Wirtschaft keine Nachschuldner finden lassen, dann springt z.B. der Staat als Lender of last resort ein, damit das System aufrecht erhalten werden kann.


© Wolfgang Waldner & Christoph G. Brandstetter

Fazit
Sowohl das Sparen von Zinseinkommen als auch das Sparen von Beträgen aus anderen Einkommen führt zur Aufschuldung im Geldsystem und damit zum Anschwellen der Geld- und Geldvermögensbestände. Dient das Tauschmittel also nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck und wird der Wirtschaft durch Sparen entzogen, dann ist das schädlich. Ob Guthabenzinsen dem Geldsystem schaden oder nicht hängt davon ab, ob der Zinsempfänger diesen Zins weiter spart oder konsumiert. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Sparer den Zins weiterspart ist natürlich viel größer, weil der damit verbundene Leistungsverzicht (das Sparen) vermögenderen Menschen leichter fällt als weniger vermögenden Zinsempfängern.
Auch wenn der Zins - wie geschildert - in der Realität bei fälligen Zinszahlungen nicht zwangsläufig fehlt und das Sparen ein verhältnismäßig triftigerer Grund zum Zwang zur Neuverschuldung ist, so ist der Zins dennoch nicht "frei von Schuld": ein Zinsanteil in fast jedem Güterpreis begründet eine Umverteilung (siehe auch Erläuterungen im Artikel Ein System mit Verfallsdatum), da ca. 80% der deutschen Bevölkerung "Nettozinsverlierer" sind. Das bedeutet, dass ca. 80% der deutschen Bundesbürger mehr Zinsen zahlen (den Zinsanteil in Warenpreisen, Zinsen für aufgenommene Kredite, indirekt auch die Zinslasten des Staates durch Steuerabgaben), als sie einnehmen (z.B. Guthabenzinsen). Dies ist der implementierte Umverteilungsmechanismus in unserem Geldsystem.



Besten Dank an Tobias Deiters und Axel Grimm, sowie Wolfgang Waldner und
Christoph G. Brandstetter für Textgrundlage + Grafiken
http://wiki.piratenpartei.de/AG_Geldordnung_und_Finanzpolitik
http://www.open-mind.at/index.php/Bild:Sparen_%26_Verschuldung.jpg

Kommentare:

  1. "Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. (1943)
    Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden - in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch -, und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht.
    Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.
    Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen.
    …Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen.
    …Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen."

    Bis hierhin eine erstaunlich korrekte Analyse. Hätte sich Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) die Ursache der Dummheit bewusst machen können, wäre er kein Theologe mehr gewesen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html

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  2. Lieber Stefan!

    Herzlichen Dank für die Stelle über die Dummheit und den interessanten Link!

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  3. Danke!
    Endlich mal jemand, der mit dem Mythos vom "verlorenen Zins" (aka "verlorenes Goldstück" oder "verlorenes Lederstück" [auf der isolierten Insel mit dem Kuhdorf]) aufräumt. Konnte es langsam nicht mehr hören... wo man auf Geldsystem-Kritiker stößt, immer wieder der gleiche Schwachsinn. Dieser Artikel hingegen widerlegt nicht nur das, sondern geht *sogar* noch auf das *eigentliche* Problem ein (also das mit der Umverteilung durch den Zins sowie Nettozinsgewinner und Nettozinsverlierer, das übrigens Christian Felber in einem seiner Vorträge - siehe https://www.youtube.com/watch?v=o58yG3GHOwg&feature=player_detailpage#t=5303 - auch sehr anschaulich & nachvollziehbar vorrechnet). Vorbildlich!

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  4. REGIONEN FINANZDIENST
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    Grüße
    Herr Vincent
    Finanzchef

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