Gute Ideen...

Der Kapitalismus ist ein gutes System. Er wurde nur von Einzelnen pervertiert.
Das Christentum ist eine gute Idee. Es wurde nur missbraucht.
Der Marxismus ist cool. Er scheiterte jedoch am Machtstreben Einzelner.

Umlaufgesichertes Geld, goldgedeckte Währung, Monetative, Free-Banking, Bedingungsloses Grundeinkommen - alles gute Ideen!

Viele Ideen sind gut - die meisten. Aber kein von Menschen erdachtes und implementiertes System kann nicht auch von Menschen ausnützend missbraucht werden.

Gute Ideen sind prädestiniert dafür, dass sie ausgenützt und zu bösen und individuellen Machenschaften missbraucht werden. Denn schlechte Ideen sind sowieso unnütz oder böse und können daher gar nicht mehr missbraucht werden!

Das perfekte System gibt es demnach nicht, nein, es muss vielmehr, wie in jeder zwischenmenschlichen Beziehung, immer und von Allen am guten Zusammenleben gearbeitet werden!

Ist der Finanzsektor zu klein?

Im lesenswerten Blog des Wirtschaftswurm wurde auf Anregung eines Wirtschaftsphilosophen folgende Frage gestellt: Ist der Finanzsektor zu groß? 

Beim Lesen der Frage blieb ich am Wörtchen "zu" hängen. Dieses "zu groß" deutet für mich an, dass man ihn irgendwie verkleinern oder gar zerschlagen wolle. Diese Idee halte ich zunächst für gefährlich. Sinnvoller wäre es meiner Meinung nach, ihn durch etwas Besseres zu ersetzen. Aber fangen wir von Anfang an:

Eine kurze Geschichte Kambodschas

Ich möchte hier zunächst ausholen und einen Gedanken beschreiben, den ich bei meiner Reise durch Kambodscha hatte. Kambodscha ist ein leidgeprüftes Land, was ein Blick in seine Geschichte zeigt:

Zunächst war es von Frankreich besetzt. Nach der Unabhängigkeit wurde Kambodscha von den USA aufgrund des Vietnamkrieges bombardiert (dabei wurden doppelt so viele Bomben auf Kambodscha abgeworfen wie auf Japan während des 2. Weltkriegs). Durch die Großmächte bedrängt folgte ein Bürgerkrieg, welchen die rote Khmer gewannen.
Die Ideologie der Khmer Rouge war eine verkürzte Form des Marxismus. Nur wer auf dem Land lebte und Handarbeit betrieb, stellte wirklich etwas her, war wirklich produktiv. Die Stadtbevölkerung stellte nur den unproduktiven Überbau dar. Dementsprechend mussten nach der Machtübergreifung durch die Khmer Rouge sämtliche Städte innerhalb von drei Tagen komplett geräumt werden. Wer sich weigerte oder gar als Intellektueller galt (oder auch nur eine Brille trug) wurde erschossen.

Bilder der leeren Hauptstadt Phnom Penh kann man in diesem Video sehen:



Die Khmer Rouge waren nur vier Jahre an der Macht und töteten ungefähr drei Millionen Menschen. Die inzwischen kommunistischen Vietnamesen eroberten das Land in Folge, wodurch sich die Zustände jedoch nicht wirklich besserten (angeblich wurden Kranke in den Spitälern nur mit Zuckerwasser behandelt). Erst als das Land Anfang der 90er unabhängig wurde, konnte sich so etwas wie Frieden und Erholung einstellen. Noch bis Ende der 90er Jahre gab es jedoch Angriffe der roten Khmer.

Wenn man dieses Land bereist und sich mit den Menschen unterhält, dann kann man diese Geschichte quasi fühlen. Die Wunden dieser Zeit sind noch lange nicht verheilt. 

Gefährliche Gedanken...

Bei meinen langen Busfahrten dort (durch den schlechten Zustand der Straßen dauert alles ewig!) kam ich auf einen mich selber erschreckenden Gedanken: Hatte ich nicht selber auch oft gegen die Banken, gegen den Finanzsektor gewettert? Waren nicht oft Sätze gefallen wie: "Die Banken sind unproduktiv, sie saugen nur aus dem Realsektor ab!" oder "Der Finanzsektor ist nur ein großes Roulette und muss zerschlagen werden, damit das Geld wieder in die wirklich produktiven Zweige der Wirtschaft fließt!" Hätte man nicht auch gleich marxistisch sagen können: "Wir müssen den monetären Überbau zerschlagen und durch eine Revolution der produktiven Basis ersetzen"? Ich konnte sehen, dass diese Gedanken in weiterer Folge zu sehr gefährlichen Ausmaßen anwachsen können und ungeheuerliche Nachwirkungen haben könnten.

Ist die Größe des Finanzsektors nur schlecht?

Ohne jetzt ein Plädoyer für den Finanzsektor schreiben zu wollen: Auch der Finanzsektor ist produktiv. Denn er ist beispielsweise Produzent von Hoffnung. Er produziert für viele Menschen die Hoffnung auf ein gutes Leben, weil sie sich durch die erlangte Rendite eine ruhige Pension erfhoffen. Versicherungen verkaufen das Gefühl der Sicherheit. Zu sagen, Banken seien nicht produktiv ist genauso falsch wie zu sagen, Regierungen, Manager oder gar Denker seien es nicht. Auch die Leute, die in der Stadt wohnen und arbeiten sind entgegen dem damaligen Glauben der roten Khmer produktiv. Der Finanzsektor wäre sicher nicht so groß, wenn er nicht doch irgendwo eine Funktion für viele Menschen erfüllen würde. Er hat es durch lange und harte Arbeit verstanden, Vertrauen in sich aufzubauen. Würden die Leute ihm nicht vertrauen, so könnten sie ihm jederzeit die Grundlage entziehen. Denn keine Bank und keine Versicherung kann auf Dauer überleben, wenn alle Kunden davonlaufen.

Die Struktur, nicht die Größe ist das Problem

Damit möchte ich nicht sagen, dass ich mit dem derzeitigen System einverstanden bin oder dass es kein besseres gäbe. Es liegen große Problem wie das Principal-Agent-Problem oder mafiaähnliche Strukturen und immanenter Wachstumszwang vor. Viele Akteure im Finanzsektor haben sicherlich das ihnen dargebrachte Vertrauen missbraucht. Viele meiner Blogeinträge sind diesem Thema gewidmet. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass dieses System wir sind und das wir mit unseren Handlungen die sind, die es so groß aufgebaut haben und am Leben erhalten.

Eine Frage der Frage

Die Frage, ob der Finanzsektor zu groß ist, ist demnach falsch gestellt. Der Finanzsektor ist einfach. Er ist weder zu groß, noch zu klein. Ihn einfach abschaffen zu wollen, ohne nachhaltige Alternativen anbieten zu können, dürfte keine Lösung sein. Wir haben ihn so groß gemacht. Wie groß er tatsächlich ist, also die genaue Zahl, ist in meinen Augen irrelevant. Die Fragen müssten eher lauten:
  • Wie können wir die Fehler des derzeitigen Systems beheben, obwohl wir von ihm abhängig sind? 
  • Wie sieht ein besseres Verteilungssystem aus und wie können wir es initiieren? 
  • Reicht eine Veränderung des Finanzsektors, oder müssen wir nicht viel mehr unser Geldsystem verändern? In anderen Worten: Ist Finanzsektor und Realsektor wirklich zu trennen?
  • Brauchen wir mehr oder weniger staatliche Regulierung?
  • Müssen wir unser eigenes Verhalten und unsere Gewohnheiten ändern und wenn ja, wie?
  • Was sind Theorien, Gedankengebäude und Lebenseinstellungen, welche nicht zu totalitären Auswirkungen führen?
  • Metaphorisch gesprochen: Wie können wir unser Schiff auf hoher See umbauen, ohne unterzugehen oder in einer gewaltätigen Meuterei zu enden?
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