Ich lebe polyamor

Ich lebe nun seit über einem halben Jahr polyamor. In dieser Blogreihe möchte ich über meine Erfahrungen mit dieser Beziehungsform berichten. Es soll um unterschiedliche Arten der Liebe, um Eifersucht, Abmachungen, Wünsche, Träume, Ängste und schließlich auch darum gehen, was das alles mit Wirtschaftsphilosophie zu tun hat.
Aber beginnen wir am besten am Anfang.

Das Symbol für Polyamorie: Ein Herz und ein Unendlichkeitszeichen kombiniert

Wie ich zur Polyamorie kam

Meine letzte Beziehung war streng monogam. Für fünf Jahre hatte ich mich exklusiv an eine Frau gebunden. Es war eine wunderbare Zeit, mit allen Auf und Abs, die eine solche Beziehungsform bieten kann. Als es zu Ende war, wollte ich jedoch nicht wieder so schnell monogam leben.

Ich entschied mich aktiv für ein Singleleben. Es war kein klassisches Singleleben, denn ich bin kein Mann für One-Night-Stands. Für mich ist es wichtig, in engere Beziehung zu den Menschen zu gehen, mit denen ich mich intim vergnüge. Ich möchte sie kennenlernen und sie auf einer persönlichen Ebene treffen. Binden wollte ich mich damals jedoch auf keinen Fall, was ich immer versuchte, offen darzulegen. Diese Zeit war für mich sehr wichtig, denn ich lernte, alleine aber gleichzeitig nicht einsam zu sein. Gröberen Problemen ging ich aus dem Weg, was leider auch zu Situationen führte, auf die ich teilweise heute nicht mehr stolz bin.

Über Freunde kam ich in einen regelmäßigen Redekreis, in welchem es ausschließlich um die Themen Sexualität, Liebe und Partnerschaft ging. Dort kam ich zum ersten Mal mit dem Thema Polyamorie in Berührung. Mit größter Spannung las ich das Buch "The Ethical Slut", in welchem es um einen ethischen Umgang mit offener Liebe geht - ein Buch, das ich auch monoamor lebenden Menschen wärmstens empfehlen kann.
The Ethical Slut - ein Must Read!

Danach wusste ich: Das mit der Polyamorie möchte ich ausprobieren.

Dann lernte ich Maria kennen. Es war ein Glücksfall, dass von Anfang an eine monogame Beziehung für keinen von uns beiden in Frage kam. Zunächst wollten wir überhaupt nichts definieren. Als jedoch mehr Zeit verging wurde der Wunsch größer, Dinge beim Namen zu nennen und doch die eine oder andere Abmachung zu treffen. Seitdem lebe ich mit Maria in einer, wenn man es schon bezeichnen muss, polyamoren Beziehung. Wobei alleine das schon merkwürdig klingt. Denn was ist Polyamorie?

Was ist Polyamorie?

Dass Polyamorie schon ein etwas ungewöhnlicher Begriff ist zeigt der Umstand, dass die Wortkreation aus einem altgriechischen Wort - polýs - und einem lateinschen - amor - zusammengesetzt wurde. Ob aus Unachtsamkeit so definiert oder nicht, das Wort steht stellvertretend für eine ungewohnte Liebesform.

Wir werden in unserer Welt normalerweise von früh an in Richtung Monogamie oder, streng genommen Monoamorie sozialisiert. Hollywoodfilme zeigen uns, wie Liebe auszusehen hat. Es gibt nur Einen und der ist der Richtige und man muss ihn nur finden und dann glücklich bis zum Lebensende mit ihm zusammen sein. Am besten auch noch heiraten.

Polyamorie ist zunächst für einen so erzogenen Menschen ein erstaunliches Phänomen. Für mich ist Polyamorie ein Lernfeld. Folgende Erkenntnisse kamen mir unter anderem:
  • Polyamorie steht für die Erkenntnis, dass man mehrere Personen gleichzeitig lieben kann. 
  • Polyamorie steht für eine offene und ehrliche Liebesform
  • Polyamorie heißt, dass man miteinander kommuniziert. Viel kommuniziert!
  • Polyamorie ist die Einstellung, dass mir meine Partner und ihre Gefühle nicht gehören

In unserer von Monoamorie fast duchgehend bestimmten Welt scheint es nur eine Skala zu geben: Entweder man ist fix in einer Zweierbeziehung oder man ist single (und auf der Suche nach einer Zweierbeziehung). Polyamorie hat mir erst die hunderten anderen Möglichkeiten gezeigt. So besteht ein Unterschied zwischen Polyamorie und offener Beziehung. Genau gibt es einen Unterschied zwischen Polyamorie und Polygamie.

Was Erich Fromm schon gut beschrieb: Wir sind in unserer Welt auf die Haben-Denkweise geprägt. "Ich HABE einen Freund/eine Freundin", "Das ist MEINE Freundin/MEIN Freund", usw. Das Eigentumsdenken, das den Kapitalismus definiert, hat sich auch in unsere Beziehungen eingeschlichen. Polyamorie will damit aufhören und wieder vom Haben zum Sein gehen.

Für manche ist Polyamorie mehr als nur eine Lebensweise, für die man sich entscheiden kann. Manche sehen sie als sexuelle Orientierung in die man hinein geboren wird. Andere sehen Polyamorie als politischen Akt für mehr Selbstbestimmung und Emanzipation. Ich sehe es schon so, dass man sich für Polyamorie entscheiden kann. Man kann wählen, ob man sich für eine offene Lebens- und Liebesweise entscheidet oder nicht. Polyamorie ist für mich aber mehr als nur eine Handlungsart. Es ist auch eine Einstellung, eine Lebensphilosophie, wenn man so will.
 
Was ich nicht sagen möchte ist, dass Monoamorie oder Monogamie schlecht sind. Auch möchte ich niemandem vorschreiben, wie er oder sie zu lieben hat. Ich habe mich zur Zeit aktiv dafür entschieden, polyamor zu leben. Dies ist mein momentaner Status und es kann natürlich sein, dass sich dieser wieder ändert. Aus Erfahrung wird man klüger.

Polyamorie ist eine Reise

Das Thema Polyamorie stellt für mich eine Reise dar, die einen an die spannendsten Orte bringen kann. Es geht um Selbsterkenntnis, Lernfelder, intensive Gespräche, spirituelle Erfahrungen und, ja, vielleicht auch um einen politischen Akt. Maria und ich befinden uns auf einem Segelboot, dass uns in eine unbekannte Welt führt. Beide geben die Richtung und Geschwindigkeit an. Ab und zu ist es auch gut, von der hohen See zurück in den Hafen zu kommen, um aufzutanken. Dann wollen wir uns aber bald wieder in die Freiheit hinaus wagen und neue Länder erkunden.

Über meine Erfahrungen aus einem halben Jahr Polyamorie möchte ich in folgenden Blogeinträgen weiter berichten!

Warum uns die Arbeit nicht ausgehen wird

Eine Definition von Arbeit

Immanuel Kant gibt in seiner Metaphysik der Sitten eine interessante Definition von Geld. Geld sei „[…] das allgemeine Mittel, den Fleiß der Menschen gegeneinander zu verkehren[…]“[1]

Interessant ist diese Definition deshalb, weil Kant das Augenmerk auf den menschlichen Fleiß legt. Die meisten von uns kennen dies aus dem Alltag nur zu gut: Wir müssen arbeiten, um Geld zu bekommen. Wir müssen fleißig sein. Umgekehrt können wir uns mit dem Geld den Fleiß anderer Menschen zukommen lassen. Auch, wenn wir Waren kaufen, so kaufen wir den Fleiß anderer. Denn es war aufwendig, das Produkt herzustellen, sei es, die Fabrik aufzubauen, sei es, überhaupt die Idee der Ware zu haben, sei es, den Produktionsprozess zu entwickeln, oder sei es auch nur, Risiken einzugehen, die andere nicht eingehen wollen. Die größten Ausgaben der meisten Unternehmen sind die Personalkosten, das heißt die Kosten für den Fleiß der darin arbeitenden Menschen. Somit lässt sich zusammenfassend gut sagen: Der Wert von Geld kommt auch daher, weil man sich den Fleiß anderer aneignen kann.

Natürlich gibt es nicht zu vernachlässigende Ausnahmen dieses Prinzips. Manche können Geld erlangen, ohne fleißig zu sein. Sei es einerseits Menschen, die durch staatlich sanktionierte Umverteilungsmaßnahmen auch ohne Arbeit zu Geld kommen. Sei es andererseits Menschen, die wiederum durch staatlich durchgesetzte Eigentumsgrenzen, wie Grundstücksgrenzen, ohne Arbeit zu Geld kommen. Man denke nur an Mieteinnahmen die teilweise nur dadurch möglich sind, dass Wohnraum durch staatliche Regeln wie Bauvorschriften oder Grundstückswidmungen knapp gehalten wird. Weiters heißt Fleiß nicht unbedingt gleich Einkommen, wovon viele allein erziehende Mütter oder Väter ihr leidiges Lied singen können.

Aber bleiben wir einstweilen bei der Grundannahme, dass man mit Geld den Fleiß der Menschen austauscht.

Knappheit und Geld

Wie verhält es sich nun, wenn für manche Dinge menschlicher Fleiß nicht mehr notwendig ist? Dann verliert das Geld seine Macht über diese Dinge. Wenn es nicht aufwendig ist, etwas zu erschaffen, so wird man nichts dafür zahlen müssen. Ein Blatt Papier mit einem Strich darauf ist beispielsweise für fast jedermann selber herstellbar. Wir würden niemanden dafür bezahlen, das für uns zu machen. Brauche ich jedoch auf einmal tausend Blatt Papier mit einem Strich darauf, so ist dafür so viel Fleiß nötig, dass ich eventuell jemanden bezahle. Sauerstoff wird uns noch von den Ökosystemen im Überfluss zur Verfügung gestellt. Daher muss man für das Atmen nicht bezahlen. Das heißt umgekehrt: Möchte ich Geld verdienen, muss ich zumeist für andere fleißig sein.

In anderen Worten ausgedrückt: Was nicht knapp ist, ist nichts wert. Mit Dingen des Überflusses kann man kein Geld verdienen.

Technologischer Fortschritt befreit uns nun von Tätigkeiten. Dinge, die früher in der Herstellung sehr aufwendig waren, können heute durch Maschinen sehr schnell, einfach und in großer Stückzahl produziert werden. Somit ist für viele Dinge heutzutage nicht mehr so viel menschlicher Fleiß nötig. Braucht man weniger Menschen in der Herstellung, sinken die Personalkosten und damit potenziell die Verkaufspreise. Daher sind diese Dinge auch sehr billig geworden. Dies führt wiederum dazu, dass sich mehr Menschen mehr Dinge leisten können.

Das bedeutet jedoch, dass man Einkommen nur durch knappe Tätigkeiten erzielen kann. Um einen Arbeitsplatz zu haben muss man eine Tätigkeit suchen, die Fleiß erfordert.

Arbeit kann uns also so lange nicht ausgehen, wie es knappe Dinge, also Dinge gibt, für die es menschliche Arbeitskraft braucht. Umgekehrt sind Dinge, für die es keine menschliche Arbeitskraft braucht, in den meisten Fällen nicht knapp. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Knappheit, Fleiß, Einkommen und Geld, welcher sich über die Preise ausdrückt.

Wie verhält es sich mit dem BGE?

Nun werden international Stimmen für das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE) laut, begründet durch den technologischen Fortschritt. Das Argument lautet, dass die Maschinen uns bald die gesamte Arbeit abnehmen und wir daher ein BGE brauchen. Diesen Denkansatz habe ich schon an anderen Stellen kritisiert.

Nach obigen Ausführungen kann davon ausgegangen werden, dass uns die bezahlte Arbeit eigentlich nicht ausgehen kann. Zwar werden einzelne Stellen oder gar ganze Branchen durch Maschinisierung ersetzt, das ist klar. Genau so, wie der Kämmler https://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%A4mmler, Donkeyman https://de.wikipedia.org/wiki/Donkeyman oder Draufschläger https://de.wikipedia.org/wiki/Draufschl%C3%A4ger ausgestorben sind und eigentlich niemand diese Berufe vermisst.

Arbeit wird nicht ausgehen

Aber dass sämtliche Knappheit im obigen Sinne aufhört zu existieren, ist unwahrscheinlich. Selbst wenn sämtliche Hand- und Kopfarbeiten schon von Maschinen und Computern erledigt werden können, so wird es zwischenmenschliche Tätigkeiten geben, die nicht von Robotern durchführbar sind. Solange es auch nur die eine oder andere zwischenmenschliche Tätigkeit gibt, die menschlichen Fleiß erfordert, auch wenn es „nur“ ein gutes Zuhören ist, so lange wird es auch bezahlte Jobs geben. Wenn man eine Tätigkeit findet, die andere brauchen und nicht selber ausführen können oder wollen, so wird man in den meisten Fällen auch ein Einkommen dafür finden werden. Und das unabhängig von möglicher Maschinisierung.


[1] Zitiert aus: Asmuth, Christoph; Nonnenmacher, Burkhard; Schneidereit, Nele [Hrsg.]: Texte zur Theorie des Geldes. Philipp reclam jun. GmbH & Co. KG. Stuttgart: 2016. Reclams Universal-Bibliothek Nr.19370. S.77.
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