Warum gibt es A*schlochkaffee?


Raj Patel ist ein bemerkenswerter Charakter. Er arbeitete für die World Bank und ist gleichzeitig ein großer Kritiker derselben. Er ist Universitätslektor und zeigt Sympathien für anarchistische Denkmodelle. Seine Mutter ist aus Kenia, sein Vater aus Fidschi. Er bekam die amerikanische Staatsbürgerschaft, lebte jedoch viel in Simbabwe und Südafrika. Von manchen wird er gar als neuer Buddha gefeiert, was er selber jedoch bestreitet.

Sein Buch „The Value of Nothing. How to reshape market society and redefine democracy“ ist ein wahrhaft lesenswertes Buch. Alleine schon seine Analyse zum Geldsystem darin ist erwähnenswert:

„Without cash in a market society, you’re free to do nothing, to have very little and to die young. In other words, under capitalism, money ist he right to have rights.“ (p.113.)

(Man könnte dem natürlich gleich entgegnen, dass diejenigen ohne Geld noch immer ihre Arbeitskraft anbieten und so zu Geld kommen können, damit das Recht zu arbeiten nicht an den Besitz von Geld gebunden ist, aber das ist eine andere Geschichte)

Er zitiert im Buch auch das brillante Bonmot von Oscar Wilde:
„Nowadays people know the price of everything and the value of nothing“.

The Green Lie

Ich bin Raj Patel im sehenswerten Film The Green Lie wieder begegnet:


Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte das jetzt tun!
Patel gibt darin ein Interview. Er stellt in diesem eine Frage, die mir zunächst zu denken gab:
„Ich kaufe Fairtrade-Kaffe, weil die Alternative ist… Was? „A*schloch-Kaffee?““ 
Im Anschluss fragt er im Film, warum überhaupt unfairer Kaffee verkauft werden darf? Warum es nicht nur guten Kaffee zu kaufen gibt? Eine gute Frage. 

Die Skala ist offen

Ich möchte hier nicht im Geringsten unfaire Arbeitsbedingungen rechtfertigen. Weiters finde ich die ökologische Zerstörung unseres Planeten muss unbedingt gestoppt werden, bevor wir unsere Lebensgrundlage komplett ruiniert haben. Aber ich habe eine Antwort auf Patels Frage, warum es überhaupt A*schloch-Kaffee zu kaufen gibt: Zunächst einmal weil es zwischen gut und schlecht Abstufungen gibt. Es gibt kein absolut gutes Produkt. Egal wie nachhaltig und fair man ein Produkt herstellt, immer wird sich irgendwer benachteiligt fühlen. Immer wird der Lebensraum eines anderen Lebewesens gestört werden. Immer verändert man etwas auf diesem Planeten. Natürlich gibt es Mindeststandards wie die Menschenrechte, die nicht diskutabel sind. Aber davon abgesehen ist die Frage: Was bedeutet überhaupt fair? Um es anders auszudrücken: Die Gutheitsskala ist nach oben hin offen. Man kann immer neue Produkte erschaffen, die noch fairer, noch besser, noch nachhaltiger, noch weniger schädlich sind.

Welchen Standard will ich?

Das heißt, zunächst kann man sich die Frage stellen: Möchte ich nicht lieber auf das Produkt überhaupt verzichten, wenn bei der Produktion nicht einmal die Menschenrechte eingehalten werden können. Vermutlich wäre der Verzicht und die Konsumreduktion sowieso eines der besten Mittel um diesen Planeten für unsere Kinder noch bewohnbar zu hinterlassen. Dann kann man sich die Frage stellen: Welchen Standard will ich bei meinen Produkten? Das Problem hierbei ist, dass Standards meist mit einem Preis verbunden sind. Möchte ich lieber, dass Essen mit der Hilfe von Pestiziden hergestellt wird und dafür in so großen Mengen, dass der Preis für eine große Bevölkerung leistbar ist, oder möchte ich nachhaltigere Lebensmittel aber dafür höhere Preise? Die Korrelation stimmt zwar nicht immer, aber meist bedeuten höhere und bessere Standards auch teurere Produkte und damit ein materiell kleinerer Wohlstand.
Wo hier die ideale Punkt ist, kann durchaus auch eine Konsumentscheidung sein.

Ich gehe nochmal zurück zum A*schloch-Kaffee. Vielleicht ist ja Fairtrade-Kaffee der eigentliche A*schloch-Kaffee, nämlich von einer noch ethischeren Warte aus gesehen?! Weil Fairtrade-Kaffee ist üblicherweise nicht biologisch hergestellt. Somit könnten die Landwirte, die fairen und biologischen Kaffee produzieren alle Fairtrade-Landwirte als A*schlöcher bezeichnen. Und Landwirte, die fairen, biologischen und auf Permakultur-Prinzipien aufbauenden Kaffee produzieren, könnten wiederum die anderen mit Schimpfwörtern belegen. Und so weiter. Die Grenze des Guten ist nach oben hin offen!

Was A*schloch ist und was nicht ist kein absoluter Wert, sondern eine verschiebbare Skala. Und macht nicht genau das auch eine Marktwirtschaft aus? Dass es doch auch eine gewisse Wahl gibt zwischen verschiedenen Produkten? Dass man sich zumindest selber entscheiden kann, ob man faireren Kaffee kauft oder weniger fairen? Dass man doch beim Kauf auch in einem gewissen Rahmen seinen ethischen Vorstellungen faktischen Raum verschaffen kann?! Dass man durch seine Kaufentscheidung auch eine gewisse Macht hat? Dass man Verantwortung übernehmen darf und nicht nur groß über Ethik reden braucht, sondern sogar durch die eigenen Handlungen zeigen darf, dass man auch ethisch lebt?! Und dass, wenn einem das derzeitige Angebot nicht ethisch genug ist, man noch immer selber zum Unternehmer werden kann und versuchen kann, ein gleiches Produkt zu besseren Bedingungen anzubieten?!

Wird es immer A*schlochkaffee geben?

Natürlich gibt es A*schlöcher. Die, die gegen die Menschenrechte verstoßen und sich nicht einmal an universale ethische Mindeststandards halten können, dürfen zu Recht so bezeichnet werden. Ja, hier sollte es Verbote geben und gibt es zum Glück auch. Darüber hinaus macht man es sich vielleicht ein wenig leicht, wenn man die Welt in gut und böse einteilt. Es wird immer Abstufungen zwischen den moralischen Produktionsweisen geben. So gesehen wird es immer A*schloch-Kaffee geben.

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