Freiwilliges Bedingungsloses Grundeinkommen - Erfahrungen!

Im Mai 2013 startete ich den Versuch, das Freiwillige Bedingungslose Grundeinkommen einzuführen. Nach fünf Monaten möchte ich hier meine Erfahrungen dokumentieren:

Das Bedingungslose Grundeinkommen findet viele Befürworter. Erst kürzlich wurde in der Schweiz durch eine spektakuläre Aktion darauf aufmerksam gemacht:



Da ich es als ein wenig fahrlässig empfinde, ein neues Konzept wie das Bedingungslose Grundeinkommen gleich auf ein ganzes Land loszulassen, dachte ich, ich probiere es im kleinen Rahmen aus. Außerdem wollte ich auf die Argumente einiger Libertärer eingehen, die davon ausgehen, dass Steuern nicht freiwillig gezahlt werden und damit mit Zwang verbunden sind.

So hatte ich das FBGE gestartet und es auf möglichst großer Freiwilligkeit basieren lassen. Die Regeln möchte ich hier zitieren:
  • Alle Mitglieder zahlen freiwillig ca. 5% ihres Nettoeinkommens ein.
  • Man darf auch mehr oder weniger einzahlen.
  • Ab einem Mindesteinzahlbetrag von 1€ ist man dabei. Um im laufenden Monat dabei zu sein, muss man rechtzeitig zumindest 1€ in die Excel-Liste eintragen!
  • Die eingenommenen Beträge werden addiert, der Gesamtbetrag durch die Anzahl der Mitglieder dividiert und diese Beträge an die Mitglieder wieder ausbezahlt.
  • Man kann auf seine Auszahlung verzichten, dann bekommen die anderen mehr.
  • Man kann jederzeit aussteigen.
  • Die Mitgliederliste sowie die Finanzen können von sämtlichen Mitgliedern, sowie von Leuten, die ernsthaft überlegen mitzumachen, eingesehen werden.
Es war zunächst klar, dass es sich hierbei nicht um ein Grundeinkommen handeln würde, sondern halt um ein Freiwilliges Bedingungsloses Einkommen. Aber besser als nichts.

Gelerntes aus fünf Monaten FBGE:
Zunächst funktionierte es nicht schlecht. Ich startete es in meiner WG. Damit waren drei Personen dabei. Wir sahen uns oft und daher war die Geldübergabe kein Problem.
Dann weitete ich es aus und nahm vorsichtig mehr Leute auf. Darunter waren auch Menschen, die geographisch gesehen entfernter waren, in Niederösterreich, und sogar in Deutschland. Ab da wurde es kompliziert. Schlussendlich waren 8 Personen involviert. Der Verwaltungsaufwand für mich war schon mühsam. Jedes Monat musste ich den Leuten hinterher mailen, damit sie sich in die Liste eintrugen. Die Geldübergabe gestaltete sich ohne zentrales Konto ebenso als schwierig. Eine Person zahlte trotz Eintragung überhaupt nicht.
Auch für die Teilnehmer war es nach eigenen Aussagen zu mühsam, jeden Monat sich in eine Liste einzutragen und eine Überweisung zu tätigen. Mit mehr Personen wäre ein solches System nicht möglich.
Und schlussendlich hing das Projekt nur an mir. Während der Sommerferien hatte ich zwei Monate keine Zeit und Lust, mich darum zu kümmern. Nur: Ohne mich ging nichts weiter.

Weitere Erkenntnisse:
Interessant sind zunächst die Gründe, warum manche Menschen nicht mitmachen wollten. Meistens waren das entweder Leute, die sehr viel verdienten, oder welche, die nichts oder sehr wenig verdienten.
Das Argument der Vielverdiener war, dass sie eh genug hätten und nicht anderen auf der Tasche liegen wollten. Sie fänden es komisch, wenn sie etwas herausbekämen, ohne darauf angewiesen zu sein.(Ich führte daraufhin die Regel ein, dass man auf Auszahlungen auch verzichten kann...)
Das Argument der Wenigverdiener war ähnlich: Sie wollten den Durchschnitt nicht herunterziehen und Geld von anderen bekommen.
Unerwartete Begründungen, wie ich meine.
Eine andere Begründung, nicht mitzumachen, war: "Ich zahle schon genug Steuern. Da muss ich bei so etwas nicht auch noch mit machen!" Ebenso ein nachvollziehbarer Grund, wie ich meine, der selbstredend wieder den Libertären in die Hände spielt, wenn sie meinen, der Sozialstaat bringe die Menschen dazu, nicht mehr selber sozial seien zu müssen.

Zur Entwicklung des FBGE:
Die Höhe des FBGE entwickelte sich folgendermaßen:
Monat 1: 62,67 €
Monat 2: 48,75 €
Monat 3: 46,25 €
Monat 4: 37,50 €
Monat 5: 23,50 €


Ob das nur Zufall ist, oder ob eine tatsächliche Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens einen Produktivitätsabfall zur Folge hätte, wie es auch im Wikipedia-Artikel über das BGE kritisiert wird, kann aus der kurzen Periode nicht gefolgert werden. Das Bild sieht jedoch zugegebenermaßen nicht gut aus.

Fazit und nächste Schritte:
Es gibt noch viel zu lernen. Ich werde das Experiment noch ein halbes Jahr weiterführen und anschließend wieder Resümee ziehen. Dann werden wir sehen, ob nicht doch die Regeln geändert gehören. Vielleicht wird es notwendig sein, einen institutionellen Partner zu suchen und einen Teil des Verwaltungsaufwandes durch die Beiträge zu finanzieren.

Vom bisherigen Standpunkt aus sprechen leider viele Dinge gegen ein Bedingungsloses Grundeinkommen: Desinteresse der Leute zur Eigeninitiative, Verwaltungsaufwand und Zwangsbeglückung...vielleicht braucht es auch einfach noch ein wenig Zeit.

Knapp oder wenig vorhanden?

In einem kürzlich abgehaltenen Seminar führten zwei Seminarteilnehmer beiläufig ein humorvolles Gespräch, in welchem es um die Freiwilligkeit zu Arbeiten ging.

Der Erste sagte: "Niemand möchte freiwillig Teil des Arbeitsmarktes werden."
Der Anderer erwiderte darauf: "Du meinst ... Teil des Arbeitsmarkt-Services?!"

Diese beiläufig ausgesprochenen Worte ließen mich aufhorchen. Denn wer hatte Recht?
1) Musste man erst Arbeitssuchender sein, um am Arbeitsmarkt teilzunehmen?
2) Oder war man bereits als Angestellter Teil des Arbeitsmarktes? (Und möchte nur nicht Teil des AMS werden, wenn man seine Arbeit aufgibt?)  Diese Fragen ließen mich wiederum über die Theorie von Angebot und Nachfrage, über die Marktwirtschaft schlechthin nachdenken.

Denn bei oben gestellten Fragen wird jeder vermutlich Frage eins als richtig ansehen. Man wird nur Teil des Arbeitsmarktes, wenn man entweder Arbeit anbietet, oder Arbeit nachfragt, mithin arbeitslos ist oder eine freie Stelle zu besetzen hat. Die Leute, die bereits arbeiten müssen ihre Arbeit ja nicht anbieten. Auch die Unternehmen, die alle Posten besetzt haben, müssen sich nicht auf den virtuellen Marktplatz begeben, um nach Angeboten Ausschau zu halten. Doch was hat diese Analyse für logische Folgen?

Das bedeutet, dass das was abseits von Tauschoperationen oder von Anbahnen selbiger (=Angebot und Nachfrage) stattfindet, von der Preistheorie der Marktwirtschaft gar nicht beachtet wird. Güter, die nicht angeboten werden, kommen in der Theorie nicht vor. Die Preise ergeben sich ja nur durch das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage. Güter, die gar nicht am Markt teilnehmen, haben auch keine Auswirkungen auf die Preise.

Diese Erkenntnis kann einige Unklarheiten beseitigen. Nehmen wir die Frage nach der Inflation her. Viele sehen die Gelddruckpressen der Zentralbanken schon seit einiger Zeit heiß laufen. Sie meinen, dadurch wäre ein Überangebot an Geld da, was zu einem Preisverfall des Geldes ausgedrückt in Waren führen würde, also umgekehrt ein Steigen der Warenpreise, was man kurzerhand Inflation nennt. Nun ist die Frage, warum keine Inflation da ist. Die Antwort könnte simpel lauten: Weil das Geld nicht den Waren- und Dienstleistungsmarkt betritt. Es wird einfach nicht angeboten. Die Preise können sich jedoch nur verändern, wenn eine Markttransaktion angestrebt und tatsächlich durchgeführt wird. Und auf manchen Märkten wie den Märkten für Wertpapiere kann man auch enorme Preissteigerungen beobachten. Nur dass sie dort Wertsteigerungen oder Asset-price-inflation genannt werden. Das Geld ist also da, wird jedoch höchstens zur Spekulation verwendet und löst dort Inflation aus.

Oder nehmen wir die Mieten. Häuser und Wohnungen zu mieten kann sehr teuer sein, weil ein knappes Angebot besteht und/oder eine hohe Nachfrage. Das bedeutet jedoch nicht, dass nicht sehr viele Häuser oder Wohnungen existieren. Sie stehen nur leer und werden nicht zur Miete angeboten. Häuser bauen muss demnach nicht die Wohnungsknappheit verringern! Wenn diese nicht vermietet werden, bringt das nichts außer noch mehr leerstehende Häuser. Absolut gesehen sind mehr Häuser da als vorher. Relativ gesehen könnten sogar weniger da sein, weil mehr zurückgehalten werden. Die Mieten können dadurch steigen. Das kann dazu führen, dass es auf der einen Seite viele Obdachlose gibt, auf der anderen Seite viele leerstehende Häuser - wenn die Obdachlosen einfach kein Geld haben, um überhaupt am Markt teilnehmen zu können oder wenn die Hausbesitzer nicht gewillt sind, mit den Mietpreisen herunter zu gehen.

Daher können auch sehr viele Menschen arm sein, obwohl ein großer Reichtum vorhanden ist. Wenn diese nicht den Arbeitsmarkt betreten können, so sind sie in der ökonomischen Betrachtung nicht vorhanden. Genauso der große Reichtum. Wenn er gehortet wird, so hat er keine Auswirkungen auf die Preise. Dennoch existieren beide weiter: Die Reichen und die Armen.

Das bedeutet weiters, dass die Preistheorie von Angebot und Nachfrage nur den Wert-Übergang beobachtet und die Entstehung außer Acht lässt. Es ist eines der Verdienste von Karl Marx so möchte ich meinen, auch über die Entstehung von Kapital nachgedacht zu haben - auch wenn seine Theorien über Wert und Schlussfolgerungen daraus selbstredend kritisierbar sind.

Die Theorie von Angebot und Nachfrage betrachtet also relative Knappheiten: Knappheit bedeutet, dass ich etwas hergeben muss. Relativ bedeutet, dass der Preis sowohl von der Anzahl der Anbieter, als auch von der der Nachfrager abhängt. Die Frage, die bleibt, ist diese: Gibt es auch so etwas wie absolute Knappheiten? Gibt es auch Dinge, die unabhängig von Angebot und Nachfrage entweder sehr viel oder sehr wenig vorhanden sind?

Objektiv gesehen kann nichts wenig oder viel vorhanden sein. Denn die Worte "wenig" oder "viel" setzen ja wiederum eine Relation voraus."Wenig" in Relation zu wieviel? Das bedeutet jedoch nicht, dass dieses "wenig" oder "viel" immer nur abhängig von Markttransaktionen gesehen werden muss. Etwas kann als wenig vorhanden gesehen werden, obwohl es nicht verkaufbar ist. Man kann behaupten, dass es wenige Tiger auf dieser Welt gibt, auch wenn diese nicht legal handelbar sind. Andere Dinge wie persönliche Erinnerungsstücke können enorm selten und wenig vorhanden, aber komplett unverkäuflich und damit in einem ökonomischen Sinne nicht knapp sein, mithin keinen hohen Preis erzielen. Sie sind wenig vorhanden, weil sie für mich nicht reproduzierbar sind.
Das Weniger oder Mehr kann sich selbstredend auf zeitliche Relationen beziehen. Früher war mehr da. Man könnte es damit auch auf biologische Kategorien beziehen: Früher waren mehr Tiger da. Jetzt sind es nur noch wenige. Morgen sind es vielleicht gar keine mehr. So gesehen kann die subjektive Einschätzung von Mehr oder Weniger auch vorhanden sein, ohne dass man gleich an Tauschoperationen denkt.

Einige Fragen bleiben offen:
Welche Theorien der Wertentstehung und -Konsumption gibt es abseits der marxistischen noch? Und wie kann man diese in die Theorie von Angebot und Nachfrage gekonnt eingliedern? Es müsste eine sein, welche nicht in Kreislaufstrukturen denkt, sondern zumindest von linearen Voraussetzungen ausgeht, um dem Umstand, dass Güter irgendwann aus der Erde genommen werden und nach der Konsumption wieder auf dem Sondermüll landen, Rechnung zu tragen. Diese Theorie sollte also sowohl Wert-Übergang, als auch seine Entstehung erklären können. Und sie muss auch die Geschehnisse einbeziehen, die abseits von Wertstrukturen, jenseits des Markttausches ablaufen.

Kennt ihr solche Theorien?
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