Geld und Gier - Teil 5



Aber es gibt selbstredend auch Kritik. Sehen wir uns ein paar mögliche Kritikpunkte an: 

Mein Guthaben ist deine Schuld

Unendlich viel Geld verspricht jedem persönlich das Paradies auf Erden. Würde jedoch jeder so viel haben wie er möchte, so würde vermutlich Geld nicht mehr funktionieren. Geld funktioniert in unserer heutigen Welt nur, weil es für jeden Einzelnen knapp ist. Weil es eben nicht von jedem beliebig vermehrt werden kann. Im Gegensatz zur Natur ist Geld jedoch damit ein Nullsummenspiel. Meine Einnahme ist deine Ausgabe. Deine Schuld ist mein Guthaben. Und umgekehrt. Wenn man also gierig nach Geld ist, so muss man seine Einnahmen erhöhen. Damit muss man im Umkehrschluss die Ausgaben von anderen erhöhen. Wenn man Guthaben anhäufen möchte, so muss man Schulden der anderen Menschen erhöhen. Deshalb wächst in einem von Gier getriebenen System der Druck auf alle, die sich schwer wehren können: Auf die ärmsten der Armen, die von Loan-Sharks dazu überredet werden, Subprime-Kredite aufzunehmen. Oder der Druck auf staatliche Gemeinwesen, für die sich niemand richtig verantwortlich fühlt. Das kann einer der Gründe sein, weshalb sich Staaten immer mehr verschulden. Denn diese Schuld stellt auf der anderen Seite wieder ein Guthaben dar. Beim Monopolyspiel hat das der Profi schnell erkannt: Das Ziel des Spieles ist nicht, der Reichste zu werden, sondern alle anderen in die Armut zu drücken. Man muss alle anderen bankrott machen, damit man selber zum reichsten Spieler wird und gewinnt. Das funktioniert im Spiel am besten, indem man sich zuerst auf die unerfahrensten und altruistischsten Spieler stürzt, denn die können am leichtesten ausgenommen werden. Indem man also seine Gier nach Geld zu befriedigen versucht, muss man andere zum Ausgeben bewegen und in der Konsequenz eventuell in den Ruin treiben. Und das geht natürlich am besten mit denen, die das nicht wissen. Vor diesem Hintergrund muss man auch die Staatsschuldenkrisen betrachten. Staatsschulden sind immer auch Guthaben auf der anderen Seite. Schulden zu kürzen würde bedeuten, Guthaben zu kürzen. In einem Nullsummenspiel kann man nur gewinnen, wenn jemand anderer verliert. Bin ich gierig nach etwas, das sich aus individueller Sicht nicht beliebig vermehren lassen kann, so muss ich dieses jemand anderem wegnehmen. Dies ist eine Konsequenz aus der Gier nach Geld. Um ihr zu folgen muss ich anderen schaden.

Die Gier und das Wachstum

Wie hängen die Gier nach Geld mit dem Wirtschaftswachstum zusammen? Der Wirtschaftsphilosoph Karl-Heinz Brodbeck beschreibt diesen Zusammenhang folgendermaßen. Das Streben nach Geld äußert sich, da es knapp ist, in der Konkurrenz. Um möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit zu erlangen, gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten:
·         Erstens kann man die Ausgaben senken. Man verhandelt härter mit Zulieferern. Man kann auch Mitarbeiter entlassen, um so die Personalkosten zu senken. Steuervermeidung durch Verschiebung der Gewinne in Steueroasen ist eine weitere Möglichkeit.
·         Zweitens kann man die Einnahmen erhöhen. Höhere Einnahmen wirken durch entweder mehr verkaufte Stückzahlen oder teurere Preise.
Einnahmen erhöhen und Ausgaben senken führen zu maximierten Gewinnen und damit zu einer besseren Befriedigung der Geldgier. Nun locken natürlich die hohen Gewinne neue Wettbewerber an, welche ebenso ihrer Geldsucht frönen. Neue Unternehmen machen ihren Standort an bereits lukrativen anderen Standorten auf, Studenten wählen ihre Ausbildung oft nach der Höhe der möglichen  Einstiegsgehälter aus und bei steigenden Aktienkursen werden mehr Börsengänge durchgeführt und damit wieder mehr Aktien ausgegeben. Dort, wo hohe Gewinne möglich sind, steigt also die Konkurrenz. Durch die neue Konkurrenz beginnen jedoch die Preise wieder zu sinken, so lange, wie keine Gewinne mehr möglich sind – so die klassische Schulbuchbeschreibung des kapitalistischen Systems. Dennoch sind immer Gewinne möglich und zwar durch Innovationen: Neue Erfindungen werden kommerzialisiert, Produktionsprozesse vereinfacht, neue Werbestrategien ausgelotet usw. Durch Innovation kann man sich seiner Konkurrenz kurzzeitig entledigen und damit wieder Gewinne einfahren. Doch jede Neuerung hat nur kurz wirtschaftlichen Erfolg, da ja bald darauf die Konkurrenz startet. Dieser Prozess des ständigen Erneuerns und Überwindens alter Strukturen wurde vom österreichischen Ökonom Joseph A. Schumpeter „schöpferische Zerstörung“ genannt. Die ewige Zerstörung hat natürlich auch den Fortschritt ermöglicht. Aber sie führt eben auch zu Wachstum. Denn Unternehmen können entweder wachsen, indem sie Neues auf den Markt bringen, oder indem sie mehr vom Selben produzieren und damit der Preis pro Stück sinkt. Somit führt die Geldgier zu immer größerem Wachstum. Erstens durch den Wunsch, Gewinne zu machen. Zweitens durch den damit einhergehenden Konkurrenzdruck. Drittens durch die verbundenen Innovations- und damit  Wachstumsstrategien. Wenn die Geldgier auf Grenzen stößt, so wird versucht, diese umzustoßen. So breiten sich Wirtschaftsräume immer weiter aus - siehe zum Beispiel EU-Erweiterung oder das Freihandelsabkommen TTIP zwischen EU und USA. Oder die die Verwertungssucht eingrenzende Gesetze werden durch Lobbying versucht zu ändern. Oder aber man dringt in Bereiche wie Genmanipulation oder gar Mondgrundstücke vor und probiert, damit zu Geld zu kommen. Die globalen Auswirkungen dieses Wachstums werden wir bald zu spüren bekommen. Wenn durch den Klimawandel die Meeresspiegel steigen beispielsweise und damit immer mehr Menschen ihren Lebensraum verlieren und auswandern müssen. Oder wenn man die Luft in den Städten nicht mehr arbeiten kann. Spätestens wenn die letzten Eisbären nur noch im Zoo zu bewundern sind sollten wir merken, dass wir mit der Geldsucht zu weit gegangen sind.[1]
Diese Blogreihe versucht der Gier nach Geld auf die Spur zu kommen! Der vierte Teil ist hier zu finden! 


[1] Vgl. Liessmann, Konrad Paul [Hg.]: Philosophicum Lech. Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält?  Wien: Paul Zsolnay Verlag, 2009, S.229 – 233.
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