Die Illusion des Kreislaufs

Wir alle lernen in der Schule über den Kreislauf des Wassers. Meereswasser steigt durch Verdunsten auf, es bilden sich Wolken, die wiederum über dem Land abregnen und Flüsse bilden, die ins Meer münden. Dazwischen irgendwann trinken wir das Wasser und sondern es wieder aus.

Kreisläufe treffen wir dann wieder später an, zum Beispiel beim Wirtschaftskreislauf. Angefangen von Quesnays berühmten Tableau économique bis hin zur modernen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

Doch handelt es sich hier wirklich um Kreisläufe?

Die Idee von Kreisläufen ist es, dass alles irgendwie zusammenhängt und alles irgendwo wieder zum Ursprung zurückkehrt. Auch die Idee eines wirtschaftlichen Gleichgewichts, wie es die neoliberale Lehre spätestens seit Léon Walras predigt, geht irgendwo von einem wirtschaftlichen Kreislauf aus, der nur sein stabiles Gleichgewicht finden muss.
Dabei ist der Kreislauf ein Denkmodell, um sich komplexe Gegebenheiten vereinfacht denk- und anschaubar zu machen.

Meiner Meinung nach ist dieses Modell jedoch zu verwerfen und zu ersetzen mit einer Spirale, besser noch einer Schraube.
Denn jeder Kreislauf ist eigentlich gar keiner. Es ist vielmehr ein komplexes Zusammenwirken, das einen Anfang irgendwo hatte und vermutlich irgendwann einmal ein Ende haben wird.
Beim "Wirtschaftskreislauf" zeigt dies auf kritische Weise dieses Video:



Man sieht hier gut, die Güter vollziehen keinen Kreislauf sondern vielmehr eine Flussbewegung.

Modelle müssen vereinfachen. Beim Anwenden von Kreislaufmodellen läuft man jedoch schnell in Gefahr, wesentliche Dinge auszublenden.
So ist auch der Kreislauf des Geldes streng genommen keiner. Auch der Geldschein, der scheinbar zirkuliert, kann natürlich mehrmals in die selben Hände geraten. Aber auch er wurde einmal produziert und wird wieder vernichtet, wenn er zu abgegriffen ist. (Siehe auch: Wird bei einem Börsencrash Geld verbrannt?) Außerdem repräsentiert ein Geldschein auch nur die Information, die mit ihm übertragen wird. Auch der Kreislauf eines Euros ist vielmehr eine Spirale, die ihren Anfang in einem Kredit hat und ihr Ende in einer Tilgung (Weshalb unser Geldsystem auch Krisen auslösen kann).

Ein Autor, der versucht hat dem Rechnung zu tragen, ist Christoph Binswanger in seinem Buch Die Wachstumsspirale.
Binswanger stellt hier den legitimen Versuch auf, ein Spiralmodell einer Volkswirtschaft zu entwerfen. Er macht jedoch meiner Meinung nach hier wiederum den Fehler, zu mathematisch vorzugehen, was das Unterfangen wiederum gefährdet, selbstbezüglich und zirkulär zu werden.

Ich hoffe, dass in Zukunft von Kreislaufmodellen Abstand genommen wird und verstärkt versucht wird, zeitliche Vorgänge miteinzumodellieren und eher auf Denkmodelle wie die Spirale zurückgegriffen wird, um nicht der Illusion eines Kreislauf zu unterliegen.

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