Das Problem der Gegenseitigkeit

In einem vorangehenden Blogeintrag habe ich darüber geschrieben, dass Geld dem gegenseitigen Austausch dient. Wir brauchen Geld nicht, um uns gegenseitig etwas zu schenken. Wir brauchen Geld nicht, wenn uns etwas gestohlen wird, also wenn uns etwas unfreiwillig genommen wird. Wir brauchen Geld ebenso nicht, wenn wir generalisiert tauschen. Wir brauchen Geld, weil wir etwas für unsere Leistung haben wollen. Geld dient in erster Linie der Gegenseitigkeit.

Wenn man etwas für jemand anderen tut, möchte man meistens eine Gegenleistung. Die wenigsten schenken gerne etwas her, besonders, wenn es sich um fremde Personen handelt. Für diese Gegenleistung haben wir nun kollektiv Einheiten geschaffen. Mittels dieser bewerten wir unsere gegenseitige Leistung. Das Problem an der Sache ist, dass diese Einheiten korrumpiert sind. Durch ihre gesetzliche Verfasstheit dienen sie Manchen mehr als Anderen. Dies habe ich ebenfalls schon in einem anderen Blogeintrag beschrieben, wo ich die Frage stellte, wie man mehr ausgeben kann, als man einnimmt.

Eines ist klarzustellen: Wenn wir etwas kaufen, also Geld gegen Waren und umgekehrt tauschen, dann fließt kein Geld in den Gegenstand. Strenggenommen kaufen wir uns keine Dinge. Wenn wir sagen: "Heute habe ich mir diese Uhr gekauft", sagen wir eigentlich etwas Falsches, denn was wirklich passiert? Wir haben die Uhr von jemandem bekommen. Dafür haben wir ihn bezahlt, also ihm Geld gegeben. Das Geld fließt nicht in den Gegenstand, sondern fließt zu der Person, die uns den Gegenstand gab! Wir bezahlen damit eine Leistung, und nicht den Gegenstand. Wir geben das Geld an die Personen, die uns die Uhr hergestellt und geliefert haben. Nicht der Gegenstand ist soundso viel wert, sondern die Personen wollen soundso viel Geldeinheiten dafür, dass sie uns den Gegenstand geben. So gesehen ist auch die Unterteilung in die drei Sektoren falsch. Egal was in der Wirtschaft geleistet wird, ob Landwirtschaft oder Dienstleistung, bezahlt wird immer nur der Mensch.

Auch die doppelte Buchhaltung ist deshalb falsch. Auf der Aktiv-Seite stehen Gegenstände mit ihren Geldwerten. Jedoch steckt kein Geld in diesen. Das Geld haben die Verkäufer dieser Gegenstände bekommen. Der Gegenstand, der dort angeschrieben ist, sollte eigentlich ohne Zahl daneben stehen. Denn Geld werde ich nur dann dafür bekommen, wenn ich es von jemand anderem bekomme. Der Gegenstand kann mir kein Geld geben.

Wir haben also gesehen, dass Geld dem gegenseitigen Austausch gilt. Von hier aus kann man auch das Problem der Knappheit untersuchen. Auch darüber habe ich bereits im Blogpost "Über den Systemwechsel" geschrieben.
Die meiste Knappheit in dieser Welt ist eine der Reziprozität.Viele Unternehmen könnten viel mehr produzieren. Die Mittel wären dazu da. Aber es fehlt an zahlungskräftigen Kunden. Es ist dies eine Knappheit der Eigentumsgrenze. Man könnte mehr produzieren. Genug arbeitsfähige Menschen gäbe es. Genug Energie gäbe es. Genug Erfindungen gäbe es. Aber man würde für das Produzierte nicht genug im Gegenzug bekommen. Man könnte nichts mehr dafür verlangen. Man patentiert lieber die technische Erfindung, damit niemand anders sie nutzen kann, außer er gibt etwas dafür her. Dumm nur, wenn der andere nichts mehr hat zum Hergeben. Es ist mehr dieses Nichtherschenkenwollen, als eine ernsthafte, in den Gegenständen liegende Knappheit.

Dieses Problem der Gegenseitigkeit aufzulösen, ist unsere nächste große Aufgabe. Schon Silvio Gesell schrieb in seiner Natürlichen Wirtschaftsordnung(2004) auf Seite 129f.:
„Wenn ein Mensch irgend einen Gegenstand braucht und haben will, und es trifft sich, daß der gesuchte Gegenstand im Besitze anderer, und sonst nicht zu haben ist, so wird er sich in der Regel genötigt sehen, etwas von seiner Habe anzubieten, um den Besitzer der gesuchten Sache zu veranlassen, ihm das, was er braucht, abzutreten. Er wird also den Gegenstand durch Tausch an sich bringen. Und selbst dann wird er das tun müssen, wenn dem anderen der gesuchte Gegenstand nutzlos ist. Es genügt, wenn der Eigentümer weiß, daß der andere den Gegenstand braucht oder gar haben muß, dann gibt er ihn sicher nicht umsonst, ja, in vielen Fällen wird es vorkommen, daß jemand eine Sache nur darum aufhebt und in Besitz nimmt, weil er weiß, daß hinter ihm jemand folgt, der die Sache nützlich verwenden kann. Und je dringender dieser andere den Gegenstand braucht, um so höher wird der Besitzer seine Forderung schrauben.“

Nicht technische oder natürliche Knappheit ist unser heutiges Problem, sondern eben die beschriebene soziale Knappheit der Gegenseitigkeit.

Lösungsvorschläge sind dringend nötig!

1 Kommentar:

  1. Beinahe unbemerkt findet bereits die Lösung statt. Die soziale Knappheit der Gegenseitigkeit wird aufgelöst: Immer mehr Menschen sind bereit, zu geben, ohne eine monetäre Gegenleistung zu verlangen. Die Liste würde lang werden, beginnend mit Skriptenforum, weiter über Couchsurfen, und endet sicher nicht dort, wo ich wieder vermehrt Autostopper mitnehme oder Beratungstätigkeit verschenke. Was immer die Motivation dazu ist, es ist nicht Geld. Die Überzeugung, dass ich etwas Positives zu unserer Welt beitrage, das ist mir Gegenleistung genug.
    Ich habe mich auch von der Idee des geistigen Eigentums verabschiedet und werde mein nächstes Buch im Internet als Downoad anbieten (so wie ich schon ein in vielen Stunden entstandenes Excel-Sheet verschenke. Wenn das alle tun, kommt es eh wieder zurück.

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