Stephan Schulmeister - ein Neoklassiker erklärt das Geldsystem

Es war eine interessante Diskussion. Franz Hörmann und Ottmar Pregetter diskutierten im Burgkino mit Stephan Schulmeister - einem der bekanntesten Ökonomen Österreichs, angestellt beim WIFO und Berater der Regierung - über unsere Wirtschaft.
Nach einer guten Stunde blieb Schulmeister nur noch eine Möglichkeit: Die Flucht antreten. Was war passiert?

Hier kann man die gesamte Diskussion nochmal mitverfolgen. Man merkt, das Publikum wird angesichts des spannenden Themas immer erhitzter:

(Hier auch das Video auf Youtube)

Mein Vater hat Schulmeister später eine E-Mail geschrieben, um noch einmal auf das Geldthema zurückzukommen. Die Antwort von Schulmeister spricht Bände, weil sie die neoklassische Theorie, mit ihrer Ausblendung des Geldthemas, perfekt widerspiegelt. Hier der Link zum E-Mail plus Antwort...

Schulmeister macht die klassischen Fehler, die die Neoklassiker machen:
"Wenn wir in einem Kauri-Muschel-Geldsystem leben..."
Tun wir nicht. Es ist dies der Fehler Nummer 1 der heutigen Ökonomen: Die Ceteris paribus Klausel. Diese wird folgendermaßen eingesetzt. Man nimmt gewisse Dinge als gegeben und unveränderlich an und verändert nur andere Dinge des Systems. Sie kann natürlich sinnvoll sein, um gewisse Szenarien durchzuspielen. Man darf jedoch entscheidende Dinge nicht ausblenden. Die Annahme eines Kauri-Muschel Systems ist dann doch etwas weit hergeholt. Anders ausgedrückt: Aus Falschem lässt sich Alles schließen.
"In einem Kreditgeldsystem wird dann jenes zusätzliche Geld geschöpft, das der zusätzlichen Produktion entspricht, wenn die finanzkapitalistische Geldvermehrung (nicht über realwirtschaftliche Gütervermehrung, sondern "selbstreferentiell") verhindert wird..."
Das ist falsch. Wieso sollte das der Fall sein, dass nur dieses Geld geschöpft wird, das der zusätzlichen Produktion entspricht? Und wie soll das vonstatten gehen? Wenn fünf Einheiten zusätzlich produziert werden, werden auch fünf Geldeinheiten geschöpft? Was bedeutet "entsprechen" in dem Zusammenhang? In der selben preislichen Höhe? Woher weiß man bei der Kreditaufnahme, zu welchem Preis man später das Produzierte absetzen wird können? Antwort: Meistens gar nicht.
Die Kreditvergabe geht oft der Produktion zeitlich voraus, weil Geld kein Ding ist, wie die Neoklassik annimmt. Was ist mit Krediten, die nicht oder nur teilweise in zusätzliche Produktion gesteckt werden? Und was ist überhaupt Geldvermehrung über realwirtschaftliche Gütervermehrung (im Gegensatz zu finanzkapitalistischer)?!
"Die Inflation blieb zwischen 2% und 3% und das ist in einem kapitalistischen System ein notwendiger Stabilisierungsfakto [sic!]"
Auch diese Annahme darf hinterfragt werden. Wenn wir, wie Schulmeister oben, annehmen, dass immer nur gleich viel Geld geschöpft wird, wie zusätzlich produziert, dann dürfte es doch eigentlich gar keine Inflation geben?! Inflation ist generell ein Phänomen, dass weit verbreitet falsch verstanden wird.
"Ich habe 1000, die ich nicht ausgeben möchte,..."
Der nächste Fehler der Neoklassiker: Sie beginnen beim Sparen. Aber wo das Geld ursprünglich herkommt, blenden sie (absichtlich?) aus.
Denn damit ich 1000 haben kann, musste jemand anderer einen Kredit dafür aufnehmen. Anders kommt Geld nicht in Umlauf.

Stephan Schulmeisters Argumentation steht nur stellvertretend für eine ganze Wirtschaftswissenschaft, die sich in ihren Modellen selbst verfangen hat.
Fazit: Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in den Wirtschaftswissenschaften, der endlich das Phänomen Geld gründlichst mit einbezieht!

Kommentare:

  1. Whow! Wenn Du recht hast, dann ist es schlimm, wenn Regierungen auf solche Berater hören.
    Schulmeister hat in seiner Mail signalisiert, dass er nicht bereit ist, zu diskutieren. Aber ist es nicht seine Pflicht, sich hier Klarheit zu schaffen, wenn signifikante Stimmen seine Paradigmen hinterfragen?

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  2. Zur Klarstellung: Ich wollte Schulmeister nicht als Person angreifen. Sicherlich hat er viele wichtige Beiträge zur Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik gesamt gebracht und hat das Herz an der richtigen Stelle. Er steht nur als Stellvertreter einer Theorie, die sich in ihrer Dogmatik verfangen hat. Wir müssen unsere Wirtschaftswissenschaften und unsere Denkweisen ändern, ganz unabhängig von irgendwelchen handelnden Personen...

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